Hartmut Danneck

 


Das  Gold von Pyrene

Band 2 der Abenteuer von Artun und Eflida

in Vorbereitung, erscheint 2021 


Artun und Eflida besuchen die Danoburg, den prächtigen Fürstensitz an der Dano (Donau). Der Stolz der Danoleute ist die mächtige Wehrmauer, von griechischen Bauleuten errichtet und einzigartig im Keltenland. Doch die Goldschätze in den Fürstengräbern wecken auch die Gier von Neidern. Das Zwillingspaar kommt dunklen Machenschaften auf die Spur, besteht gefährliche Abenteuer und erlebt mit, wie die Danoburg von Gegnern eingeschlossen und belagert wird. Die Angreifer versuchen es mit Verrat, mit Erpressung und Sturmangriffen ...

 

Die Danoburg, heute als Heuneburg bei Hundersingen bekannt, war wohl die älteste Stadt nördlich der Alpen, von den Griechen Pyrene genannt. 


Inhalt


1   Die leuchtende Stadt   

2   Das Opfer   

3   Falsches Spiel

4   Gefahr aus dem Dunkel

5   Der Boden schwankt

6   Maske und Leier

7   „Sie kommen nicht durch!“

8   Blutmond

9   Flammende Pfeile

10 Der Tote im Schacht

11 Abschied und Ankunft

 

Der Romanbeginn: 


 1    Die leuchtende Stadt


Da oben lag die Danoburg, das Ziel ihrer Fahrt. Die Zwillinge Artun und Eflida waren vorausgeritten, sie wollten die Ersten sein. Artun brachte Sturm, seinen braunen Hengst, zum Stehen.  

Der Anblick der Mauer ließ beide verstummen. Erst kam die Vorsiedlung mit vielen großen Bauernhöfen, dann eine Vorburg mit Holzpalisaden, und dahinter zog sich die mächtige Mauer um den Hügel, strahlend weiß im Schein der sinkenden Sonne. Bekrönt wurde sie von einem überdachten Wehrgang, auf dem man Bewaffnete erkennen konnte. Unzählige Türme sprangen in regelmäßigen Abständen aus der Front hervor.  

Artun dachte an die bescheidenen Holzpalisaden von Isbona, ihrer Heimatsiedlung, wo sie gestern Morgen mit Lugdun und den anderen losgeritten waren. Eine Abordnung Isbonas war eingeladen worden zum Fest. Die berühmte Mauer da oben war nach 30 Jahren nun erneuert worden und sollte gesegnet werden.  

Isbona und die Danoburg gehörten beide zum Keltenland, man sprach dieselbe Sprache und verehrte dieselben Götter. Und doch waren die Unterschiede groß: Dort weit gegen Abend der kleine Ort über der Brigia am Rand des Abnobawaldes, wo die Sommer kurz und die Winter rau waren. Hier die große, reiche Danoburg, die an den Handelswegen danoabwärts, zum Meer  der Griechen jenseits des Eisgebirges und zu den Keltenorten in Mitternacht lag. Um ihre Wehrmauer wurde sie im ganzen Keltenland beneidet. Griechische Bauleute hatten sie erbaut, nicht aus Holz und Erde, wie sonst üblich, sondern aus Lehmziegeln.

„He, Artun, träumst du?“

Lugdun, einer der beiden Anführer Isbonas, war zusammen mit den anderen herangeritten, ein breitschultriger Mann mit rotblonden Haaren.

„Diese Mauer, diese Burg ...“

Lugdun grinste: „Na, da ist ja einer sprachlos. Aber du hast recht. Unsere Nachbarn da oben geben ganz schön an. Jetzt haben sie das Ding erweitert und erhöht. Denen ist nichts zu teuer. Ich fürchte, solche Nachbarn werden uns noch zu schaffen machen.“ Er spuckte kräftig aus und trieb sein Pferd an.

„He, Kekko, komm!“

Eflida rief hinüber zu einem Baum, und ein Rabe flog herbei und setzte sich hinter sie auf die Kruppe von Schimmer, ihrer Fuchsstute. Kekko war eine gute Elle lang, sein pechschwarzes Gefieder glänzte. Er  war der zahme Begleiter Eflidas, seit sie ein kleines Mädchen von fünf Jahren war, also seit zehn Jahren.  

Eflida und Artun reihten sich in das Gefolge ein. Die Zwillinge waren die Jüngsten und waren noch nie auf der Danoburg gewesen. Da sie bei Ul und Swelta, den beiden weisen Alten, seit einem Jahr in das Amt der Seher, der Eichenkundigen, eingeführt wurden, hatten sie mitreiten dürfen, auch wenn Lugdun seine Zustimmung nur unwillig gegeben hatte. Aber er hatte nicht gewagt, sich gegen die Bitte der Alten zu stellen.  

Artun wusste, wie misstrauisch Lugdun ihnen begegnete, seit ihre Familie mit Tridun, dem früheren Herrn von Isbona, aneinander geraten war. Nach Triduns Tod waren Lugdun und Ogman bis auf Weiteres die beiden Anführer, aber sie waren nicht die Herren. Der ehrgeizige Lugdun wollte aber genau das sein.  

Die Isbonaleute ritten langsam einen sanften Abhang empor und oben auf dem Wall staunten sie erneut: Vor ihnen lag ein Graben, über den eine Brücke führte, und dahinter ragte ein mächtiges, weißgekalktes Tor auf mit einem überdachten Wehrgang oben und Holzpalisaden rechts und links. Ein Hornsignal ertönte auf dem Torbau, sie hielten an. Ein langbärtiger Mann schritt ihnen entgegen. Das musste der alte Waffenmeister von Bretos sein, des Herrn der Danoburg.  

Der Alte geleitete sie durch das Tor in die Vorburg mit ihren stattlichen Häusern, Vorratsgebäuden und Ställen. Dann ging der Weg in einen tiefen Graben hinunter und führte am Gegenhang hinauf bis zum inneren Torbau, einer der vielen Bastionen in der Wundermauer, hinter der die eigentliche Stadt lag.  

Sie ritten in die Danoburg hinein, wo Schaulustige am Wegrand standen. Geschäftiges Treiben herrschte hier zwischen den vielen Häusern. Man bereitete das große Fest der Mauersegnung vor, das in den nächsten Tagen stattfinden sollte.


Artun und Eflida versorgten Sturm und Schimmer im Stall des Gästehauses. Es war ihr erster längerer Ritt, seit sie von ihrem Onkel Karanun ihre Pferde geschenkt bekommen hatten. Artun gab den Stalljungen Anweisungen. Als Pferdekenner und -liebhaber nahm er das sehr genau. Er ließ sich die frisch gefüllten Wassereimer zeigen, schaute nach dem Heu und verlangte frisches Stroh als Einstreu. Über die erhitzten Tiere ließ er Abschwitzdecken legen und sorgte dafür, dass man die Hufe sauber auskratzte.  

Dann wurden sie in ihre Kammer geführt. Eflida legte ihre derbe Pluderhose ab, die sie unter dem weiten Rock beim Reiten trug. Auch Artun löste die Schnüre am Fußende seiner verdreckten Hose. Beide schlüpften in ihre Festkleidung.  

Sie tranken vom Holundersaft, der in einem Krug bereitstand und streckten sich auf den Lagern aus, ein schönes Gefühl nach dem langen Ritt.  


Es wurde dunkel und bald lud man sie ins Herrenhaus im Stadtteil gegen Sonnenuntergang ein. Sie hatten schon erfahren, dass der eigentliche Herrenhof in der Vorsiedlung gegen Mitternacht lag. In der Danoburg hatte Bretos aber ebenfalls ein stattliches Haus mit vielen Räumen.

Artun staunte schon beim Eintreten. Der Raum war groß, drei Pfosten in der Mitte stützten den Firstbalken. Die Wände aus Flechtwerk waren sauber gekalkt und mit edlen Stoffen behängt, verziert mit Zeichnungen von Tierköpfen und Ornamenten.  

Bald lagerten sie in der Halle des Stadtherrn, man trank und plauderte. Niedere griechische Tischchen mit fein gedrechselten Beinen standen vor den Liegen.  Artun hatte von der merkwürdigen griechischen Sitte gehört, im Liegen zu essen. Bronzedreifüße trugen Schalen und Amphoren. Dreiflammige griechische Öllampen tauchten die Halle in ein mildes Licht. In einer Schale glommen Kräuter und verbreiteten einen angenehmen Duft.  

Kekko hatte sich auf einem Deckenbalken niedergelassen und beäugte interessiert das Treiben unter ihm. Manchmal knarrte er ein „I-ärr!“ in die Halle. Die Gäste lachten und Eflida musste Kekkos Sprache übersetzen.

„Könnte ‚Gib her‘ bedeuten“, schmunzelte Eflida. „Er muss noch ein wenig üben.“


Bretos hatte die angesehensten Familienoberhäupter zu einem Abend nach griechischer Art eingeladen, den berühmten Goldschmied der Danoburg, etliche reiche Großbauern und mehrere Fernhändler. Bei den Griechen durften Frauen bei solchen Abendfeiern nicht teilnehmen, aber bei den Kelten gab es Ausnahmen. Die Griechin Xylissa, eine Priesterin der Hekate, die seit einiger Zeit als Gast auf der Danoburg lebte,  hatte sich entschuldigt, aber Eflida durfte als Gast dabei sein.  

Abgesagt hatte der uralte Nodon, offenbar ein Onkel des Bretos. Lächelnd hatte Bretos gemeint: „Den bekommen wir fast nie hierher. Sitzt auf seinem Kiefernhof über der Dano oder treibt sich im Wald umher. Nodon und seiner Rosmerta sind unsere Feste zu gewöhnlich. Aber er kennt Ul und lädt Artun und Eflida bei Gelegenheit zu sich ein.“ Artun bekam gleich Lust, diese Alten kennenzulernen.  

Man hatte sich zu Beginn  mit wohlriechenden Essenzen besprengen lassen, die Kränze aus Efeu als Kopfschmuck angelegt und eine Weinspende für die guten Götter aus den Pokalen hinausgeschleudert.  

Der Waffenmeister Leuket, ein schweigsamer Mann,  war zu Beginn zum Herrn des Gelages gewählt worden. Artun hatte gemerkt, dass ihm das nicht recht war, er liebte als alter Kelte das „griechische Wesen“ offenbar nicht besonders, aber sein Sträuben hatte nicht geholfen und Bretos hatte ihm den efeugeschmückten Stab als Zeichen seines Amtes in die Hand gedrückt. Nun wies er die Diener an und wachte über das Programm des Abends.  


Bretos hatte die Isbonaleute herzlich empfangen und plauderte in bester Laune. Neben Bretos ließ sich Lugdun lässig auf seine Liege fallen. Zwischen Artun und Eflida lag Druno, Bretos Sohn und Erbe, ein schmaler Junge im Alter von Eflida und Artun, mit langen dunklen Haaren und feinen Gesichtszügen. Artun wusste, dass Bretos‘ Frau Londa schon vor Jahren gestorben war.  

Eflida beobachtete alles aufmerksam und hielt sich aufrecht. Artun staunte über die Schwester. Mit ihrer Stupsnase und den Grübchen in den Wangen sah sie nett aus. Sogar die kleinen, leicht abstehenden Ohren passten dazu. Sie hatte die blonden Haare sorgsam zusammengeflochten und um ihren Kopf gelegt, nur an der rechten Seite hing eine Strähne herunter, die sie wie immer mit einem weißen Bändchen und einer blauen Blume geschmückt hatte. Ihr schönes rotes Kleid mit dem blauen Saum ging ihr bis zu den Fußgelenken, wo bronzene Ringe glänzten. Um die Taille lag das breite, verzierte Gürtelblech. Bronzene Ohrringe, eine Gagatkette und zwei Tonnenarmreife um ihre kräftigen Oberarme verrieten, dass sie sich festlich herausgeputzt hatte. Auch die zierlichen Schnabelschuhe trug sie nur zu besonderen Anlässen. Der lange Druno und Eflida passten gut zusammen, wie sie da nebeneinandersaßen, doch Druno war offenbar kein großer Plauderer.  


Artun gefiel der alte Hausherr gleich, der seine Gäste liebenswürdig umsorgte. Damona, eine Alte in Isbona, hatte allerlei Geschichten über Bretos erzählt, aber bei dieser Frau, die man auch „Schwertzunge“ nannte, konnte man nicht sicher sein, ob das alles stimmte. Sie hatte von einer Krankheit gesprochen. Er sei im Winter einmal gestürzt wie vom Blitz getroffen, aber Artun kam das ganz unwahrscheinlich vor, wenn er Bretos‘ starke Gestalt und die breite Brust sah und sein dröhnendes Lachen hörte. Wahrscheinlich hatte Damona in diesem Fall wirklich übertrieben und alles war Gerede.

„Lugdun, und nun etwas Besonderes!“ Bretos winkte, und Dienerinnen brachten goldglänzende Pokale herbei.  

„Koste von diesem Trunk!“

Lugdun griff mit säuerlicher Miene zu und nippte an dem Pokal. „Wein?“

Bretos lächelte und blinzelte ihm zu: „Du bist ein Kenner. Aber nicht irgendein Wein. Das ist Wein aus Caere im Etruskerland. Letzte Woche gekommen.“

Lugdun nahm einen zweiten Schluck, und dann noch einen.

Bretos lachte: „Ein Teufelsgetränk. Schaut euch Lugdun an, der kann nicht mehr aufhören. So etwas kommt wohl nicht oft zu euch in den Abnobawald?“

Artun sah, wie Druno schnell zu seinem Vater aufsah. Eflida runzelte die Stirn.

Lugdun setzte den Pokal ab, dass der Wein herausschwappte. „Ich weiß schon, ihr habt eben den Bernsteinhandel, das Gold und die milde Luft. Wir Isbonaleute haben die eisigen Winter und das karge Land. Aber vergiss nicht: Wir haben Salz und Eisen und den größten Grabhügel im Keltenland.“

„Ja, das Grab von Dagun, von eurem Gründer. Mutig, in dieses raue Land zu ziehen.“

Lugdun knurrte etwas Unverständliches. Bretos nahm einen Schluck.

„Aber ihr habt immer weniger Salz und Eisen, wie man hört, eure Gruben sind erschöpft, nicht?“

Drunos Blick ging von Lugdun zu seinem Vater, er kniff die Lippen zusammen, Artun sah es genau.

Lugdun warf Bretos einen scharfen Blick zu: „Man hat euch gut unterrichtet.“ Er lehnte sich langsam zurück. „Aber, bei Taranis und seinem Donner, wir haben noch etwas: gute Krieger!“

Bretos schlug ihm lachend aufs Knie: „Lugdun, gut gesprochen. Wer euch als Feinde hat, hat ein Problem. Doch was reden wir von Problemen. Wir wollen die Geschenke tauschen! Leuket, lass neuen Wein bringen!“

Artun erhob sich und flüsterte Eflida zu: „Bin gleich wieder da.“ Er verließ den erleuchteten Saal.  


Draußen war finstere Nacht. Im Schein von Fackeln saßen einige Männer von Bretos Gefolge um den Eingang. Artun ging zur Latrine.

Als er sie verließ, beschloss er, auf eigene Faust eine Runde durch die Stadt zu machen. Die Neugier war zu groß. Das Gelage würde noch lange genug gehen.

Hier war es nicht so ruhig wie im nächtlichen Isbona. Fünftausend wohnten hier in der Burg, der Vorburg und der Außensiedlung, wie Ul ihm erzählt hatte, in Isbona waren es nicht einmal fünfhundert. Überall waren Menschen unterwegs, oft mit Fackeln oder Kienspänen, die da und dort in der Finsternis auftauchten und wieder verschwanden. Man hörte die Geräusche aus den Häusern. Hier klapperten Töpfe, es roch nach gebratenem Fleisch, dort zankten sich zwei Frauen, ein Säugling schrie und Hunde bellten.  

Artun suchte den Weg zur Mauer, und bald ragte sie vor ihm im fahlen Mondlicht empor. Er strich über die gekalkte, glatte Steinwand, aus der hier eine der Bastionen vorsprang.  

Da ließ ihn ein Rascheln herumfahren. Ganz nah konnte er zwei Gestalten ausmachen, die sich genähert hatten und nun wenige Ellen von ihm stehenblieben. Sie hatten ihn noch nicht entdeckt. Ihre Gesichter waren unter den Umhängen verborgen. Artun drückte sich in die finstere Mauerecke und bewegte sich nicht.  

„... mit ihm vor dem Essen geredet. Er braucht einen zuverlässigen Mann, der mitspielt. Der kaltes Blut hat“, flüsterte der eine.

Die beiden Männer schienen sich etwas wegzudrehen und Artun konnte einige Sätze nicht mehr verstehen. Dann aber tuschelten  sie wieder in seine Richtung.

„... den einen hier, den anderen danach.“ Der eine Mann nestelte an einer Tasche, die an seiner Seite hing. Dabei rutschte sein Umhang etwas aus der Stirn zurück und Artun konnte im Mondschein für einen Augenblick Nase, Stirn und Augenbrauen des Mannes erkennen. Die Nase schien ihm schmal und lang zu sein.

Ein Gegenstand wechselte den Besitzer. Der Empfänger hielt ihn kurz in das trübe Licht. Artun kam es wie ein breiter Armring vor. Der Mann strich mit dem Finger über den Gegenstand.  

„Hat der hier einen Riss? Hier an der Spirale?“

„Wieso Riss? Mann, was kümmert es dich? Spürst du nicht das Gewicht? Das allein zählt. Der zweite wiegt genauso viel. Ohne Riss. Ein Bote bringt ihn dir.“

Der Mann steckte das Ding in eine Gürteltasche, die, wie es Artun schien, mit Fuchspelz besetzt war.

Der mit der schmalen Nase raunte: „Und am Ende verschwindest du, wie abgemacht. Wir sehen uns nicht wieder. Du weißt, unser Arm reicht weit.“

Die Zusammenkunft war offenbar zu Ende. Die beiden verschwanden in unterschiedlichen Richtungen im Dunkel. Im Schein einer fernen Fackel meinte Artun zu sehen, dass der Empfänger des Rings einen hellbraunen Mantel trug.

Artun atmete auf, bewegte vorsichtig die Glieder und schüttelte die äußere Anspannung ab. Doch eine Beklemmung blieb. Er verstand nicht, was hier verhandelt worden war. Ein düsteres Geheimnis lag über diesem Treffen. War da vielleicht einer bezahlt worden für eine schlimme Tat?

Artun bog in die nächste Gasse ein und suchte den Weg zum Herrenhaus. Bald betrat er den von lauten Stimmen und Gelächter erfüllten Raum.


Eflida beugte sich zu ihm herüber: „Na, wo warst du denn? Hast dich verlaufen in der großen Stadt?“ Sie lächelte schelmisch. „Man hat schon nach dir gefragt.“  

Doch Artuns Abwesenheit wurde nicht mehr beachtet, denn gerade winkte Leuket und das Mahl wurde aufgetragen. Artur sah, dass Druno und Eflida sich inzwischen ganz freundschaftlich unterhielten.  

Mehrere Dienerinnen trugen die Schalen und Tongefäße auf mit den rotweißen, schwungvollen Mustern, die hier auf der Danoburg erfunden worden waren, wie Artun wusste. Er staunte, wie fein und dünnwandig das Geschirr gearbeitet war.

„Schweinebraten mit Knoblauch und Kümmel“, verkündete eine der Dienerinnen, „und Pfifferlinge mit Rahm.“  

Dazu kamen die tiefschwarzen Kännchen mit Honigmet, die Platten mit Emmerbrot und die Schüsseln mit Käse. Der Bratenduft machte Appetit.  

Man holte die Messer heraus, schnitt auf Bronzeplatten das Fleisch in Stücke und griff dann zu. Bretos ließ es sich nicht nehmen, seine Gäste immer wieder einmal mit besonders guten Happen zu bedienen. Er spießte ein Fleischstück mit seinem langen Dolch auf und hielt es dem Gast vor den Mund.  

„Hier, Lugdun, es soll dir schmecken auf der Danoburg.“

Lugdun biss zu und kaute missmutig, wie es Artun schien, auf dem Fleisch herum.  

Bretos‘ rotes Gesicht dagegen strahlte vor Freude. Man sah ihm an, wie er es genoss, den großzügigen  Gastgeber zu spielen.

Er angelte sich ein zweites Stück und hielt es hoch. Da flatterte plötzlich etwas auf ihn zu, und ehe Bretos reagieren konnte, hatte Kekko das Fleischstück geschnappt und sich wieder ins Gebälk verzogen.  

Alle lachten und Bretos drohte dem Vogel in gespieltem Zorn.  

Da ging die Tür auf und ein Mann trat mit einer leichten Verbeugung herein: „Sei gegrüßt, Bretos.“

„Ah, Polydeukes, willkommen. Warum so spät?“

Der Mann trat näher und stand nun im vollen Schein der Lichter. Artun überlief es. Diese Nase, diese Brauen unter der hohen Stirn … War das etwa der Unbekannte von der Mauer?  

„Edler Bretos, dringende Geschäfte hielten mich ab. Meine Bauleute brauchten mich, letzte Vorbereitungen für morgen, du verstehst. Niemand bedauert mehr als ich meine späte Ankunft bei diesem erlesenen Mahl.“

Er legte sich nieder, lehnte die angebotene Fleischscheibe dankend ab und griff nach einem Pokal.  

Artun wunderte sich. Der Mann trug einen griechischen Namen, aber sein helles Haar und seine Sommersprossen ließen ihn wie einen Kelten erscheinen.  

Nach einem kurzen Geplauder mit Bretos sprach Polydeukes mit Lugdun.

„Ist eine schlimme Zeit für euch in Isbona. Man hat viel erzählt von dem Kampf zwischen eurem Anführer Tridun und dem alten Bel. Tridun ist an seiner Krankheit gestorben, aber stimmt es, dass Bel in dem Kampf so verletzt wurde, dass er starb?“

Lugdun antwortet missmutig, dass Bels Geist nach dem Kampf zerrüttet war. Er habe nichts mehr gegessen und sei nach zwei Wochen gestorben.  

Artun flüsterte Eflida zu: „Wer ist das?“

Leise erwiderte sie: „Er wurde angekündigt, als du weg warst. Das ist anscheinend ein Kelte, geboren hier in der Danoburg. Dann ging er auf Reisen gegen Mittag. Jetzt ist er der Herr der Bauleute aus Massalia, die die Mauer erneuert haben. Ist ein Grieche geworden.“

Artun überlegte angespannt. Ein mächtiger Mann also, sicherlich reich und ehrgeizig. War er der Unbekannte von der Mauer?

Seine Gedanken wurden unterbrochen, als Bretos mit lauter Stimme eine neue Geschichte zum Besten gab.  Seine Wangen glühten und er hob mit weit ausholendem Schwung gegen Lugdun seinen Pokal.

„Damals, auf meinen ersten Handelszügen, weit nach Sonnenaufgang zu den Kupfergruben, nach Mitternacht zur Bernsteinküste, und dann vorbei am Großen See, über das Eisgebirge und hinab zum Griechenmeer ...“ Er erzählte von Abenteuern und kühnen Taten.  

Artun sah, wie Lugduns Miene sich verfinsterte. Diese Abenteuergeschichten behagten ihm nicht, soviel verstand Artun schon. Sein Blick ging zu Polydeukes. Der beobachtete Bretos mit einem feinen Lächeln. Druno rührte sich nicht auf seiner Liege, sein Gesicht war bleich.

Bretos übersah Lugduns und Polydeukes Mienen und rückte Lugdun noch näher.

„Weißt du, Lugdun, wie groß der Bronzekessel war, den wir über das Gebirge zurückbrachten? Du hättest ein Wildschwein hineinwerfen können, samt Ferkeln.  Und Qualitätsarbeit, von einem phönizischen Meister. Eigentlich unbezahlbar.“

Lugdun verzog gequält das Gesicht.  

Bretos zwinkerte Eflida grinsend zu: „Und das Halsgeschmeide, für jede Frau eine Wonne, ob aus der Danoburg oder Isbona.“

Polydeukes musterte ihn und lachte belustigt auf. Artun beobachtete diesen Mann genau. Da ging etwas vor, und auch hier in der Runde traute er diesem Polydeukes nicht. Langsam legte er seine Hand auf den Dolch am Gürtel.

Bretos brachte nun alle mit einer Geschichte zum Lachen, in der er als junger unerfahrener Kelte zum ersten Mal an einem Gastgelage in Massalia teilgenommen hatte, die Liegen erblickte und fragte, warum man ins Schlafzimmer geführt werde.

Bretos zeigte plötzlich auf Polydeukes: „Und nun erzählt uns Polydeukes von deinen Plänen. Mein Freund, du hast deine Arbeit hier vollbracht. Geht es zurück nach Massalia?“

Polydeukes nahm einen Schluck aus seinem Pokal: „Du weißt ja, ich bin nicht für ein ruhiges Leben als Baumeister an irgendeinem Herrensitz geboren, ich gebe es zu. Es gibt andere Dinge, die mich locken.“  

Er erzählte von seinen Geschäften in Massalia, von griechischen und phönizischen Baufachleuten, die er am Golf von Neapolis und in Karthago jenseits des Meeres holen wollte.

„Ich brauche die besten Leute, die suche ich mir zusammen, gleich, woher sie kommen. Ob Grieche, Phönizier, Ägypter, Etrusker oder Kelte, das zählt nicht. Sie sollen alles vergessen, Eltern, Heimat, ihre Götter, das alles hemmt sie nur. Wir reden alle griechisch, leben griechisch, denken griechisch. Ich nehme sie mir und sie leisten beste Arbeit, sie geben alles. Oder ich schicke sie zurück.“

Polydeukes schwieg nun und ließ seinen Blick durch die Runde der Gäste schweifen.  

Da schrie es plötzlich von oben, es klang wie Gelächter. Der Rabe klammerte sich mit den Beinen an den Balken, ließ sich kopfüber herunterhängen und pendelte entspannt.  

Polydeukes machte zuerst eine wegwerfende Gebärde nach oben, aber schnell fing er sich, ein Lächeln  ging über sein Gesicht und er sprach ganz anders weiter, munter und scherzend. Er erzählte von den Freuden des Lebens am warmen Griechenmeer, von neuen Aufträgen und  Fahrten, die ihn bis auf die Zinninseln im Meer gegen Mitternacht führen würden.  

Artun staunte. Dieser Mann war undurchsichtig, aber man spürte Klugheit, eisernen Willen und brennenden Ehrgeiz hinter seinen Worten.  

Bretos hatte mit zusammengekniffenen Augen zugehört.

„Polydeukes, du hast uns prächtig unterhalten. Nun ist es an mir, die Anwesenden zum Staunen zu bringen. Ihr seid die ersten, die meine neuen Schätze erblicken dürfen, die von Mittag und von Sonnenaufgang gekommen sind und die meine Sammlung bereichern.“

Er flüsterte mit Leuket. Artun sah die fast kindliche Freude, mit der Bretos den Auftritt erwartete. Er wusste, dass ein Stadtherr wie Bretos die anderen Mächtigen in der Stadt immer wieder beeindrucken musste, damit sie seine Vorherrschaft anerkannten.  

Sechs Dienerinnen und Diener erschienen auf den Wink des Leuket, und der Raum erfüllte sich mit dem Glanz der Dinge, sie sie herbeitrugen oder auf flachen Bronzeschalen präsentierten.  

Ein Diener rief die Schätze aus: „Golddurchwirkte Brokatstoffe“, „Weihrauchbüchsen aus dem Etruskerland“, „Goldspiegel mit Vergütung“, „etruskischer Dreifuß aus Silber“.

Eflida beugte sich augenzwinkernd herüber und flüsterte: „Silberner Edelstein aus Gold.“ Artun gab ihr einen Klaps auf den Arm.  

Dann kam ein Bronzekessel, gefüllt mit goldenen Arm- und Ohrringen in feinster Arbeit. Bretos ließ ihn vor sich hinstellen und wühlte lachend in dem Geschmeide.  

Sein Sohn Druno schien noch bleicher als zuvor. Er wandte seinen Blick vom Vater ab.

„Standbild aus dem Etruskerland“, rief der Diener. Artun ließ sich das Figürchen reichen, eine handlange Menschengestalt, in den Armen eine Opferschale, mit fein gearbeitetem Gesicht. Kein Kelte konnte so etwas schaffen. Schwer und kühl lag die  metallene Kostbarkeit in seiner Hand.  

„Perlengehänge mit Goldfäden“, hörte man. Artun sah, wie Eflida das Geschmeide neugierig musterte. Artun wusste, dass Perlen aus Meeresmuscheln stammten. Die Kette war sicher ein kleines Vermögen wert. Bretos drückte Eflida das Kollier in die Hand und sie staunte über die ganz fein durchbohrten Schieber aus Elfenbein und den sanften Schmelz der Perlen.

„Das nimmt ja gar kein Ende, Bretos, ich staune“, warf Polydeukes leichthin ein.

Bretos nahm ihn am Ärmel und rief ihm zu: „Freund Polydeukes, du glaubst doch nicht, dass das alles ist? Was du hier siehst, ist ein Hundertstel dessen, was wohlverwahrt in meiner Schatzkammer lagert. Viele wundern sich: Wozu braucht die Danoburg ihre Wehrmauer? Nun, auch zum Schutz meines Besitzes brauchen wir sie. Es gibt genug Neider und Habgierige im Keltenland. Doch sie verrechnen sich. Wenn ich einmal sterbe, so ist für würdigen Grabschmuck gesorgt.“

„Sterben? Wer denkt an so etwas? Du lebst, genieße deine Schätze“, lächelte Polydeukes.

Dann tauschten Bretos und Lugdun Geschenke, und auch an die Isbonaleute war gedacht. Eflida und Artun freuten sich über die schön getriebenen Gewandfibeln, die sie gleich anhefteten.  Auf einen Wink des Herrn erschien ein Diener und reichte Bretos unter einem roten Tuch einen Gegenstand.

„Die Bezahlung für dich und deine Leute hast du schon erhalten. Ich werde dich nun aber mit einem persönlichen Geschenk ehren.“

Er zog das Tuch weg und reichte Polydeukes einen Dolch, der im Licht der Öllampen funkelte.  

Polydeukes lachte, erst leise, dann lauter.  

„Auf der Danoburg muss man immer mit Überraschungen rechnen. Hab Dank, edler Bretos. Ein Dolch als Geschenk für mich, das ist wirklich passend. Das hast du gut überlegt. Er soll mir treue Dienste tun.“  

Er betrachtete aufmerksam die Verzierungen. Artun konnte sehen, dass der Griff, mit Goldfäden umwickelt,  in einen Männerkopf ausging, mit großen aufgerissenen Augen, einem seltsamen Lächeln auf den Lippen und einer Art Krone auf dem Haupt.

„Ja, eine Krone. Aus purem Gold.“ Er schaute suchend in der Halle umher.

„Erlaube, dass ich ihn gleich in Gebrauch nehme.“

Ehe die Umsitzenden es sich versahen, erhob er sich schnell und rief: „Hekate Melana, hilf!“ Er schwang den Dolch und schleuderte ihn quer durch den Raum. Mit einem dumpfen Schlag bohrte sich das Messer am Ende der Halle in einen schmalen Deckenbalken, auf dem Kekko saß. Der Rabe flatterte erschrocken auf, flog von einem Balken zum anderen und machte ein Riesenspektakel.  

Artun war zusammengezuckt, man hörte erstaunte Ausrufe. Das war ein Volltreffer, und das in dem flackernden Licht. Auch Bretos war aufgesprungen.

Lugdun verzog das Gesicht zu einem Grinsen. Lässig zog Polydeukes den Dolch aus dem Holz.

„Musste das sein? So nah neben dem Raben?“ Eflida ging auf Polydeukes zu. Artun merkte, wie wütend sie war, aber sie beherrschte sich.  

Polydeukes drehte sich langsam zu ihr um. Er steckte den Dolch umständlich in seinen Gürtel und lächelte Eflida ruhig an.  

„Meinst du, deine Kunststückchen beeindrucken uns?“  Artun sah die Röte in ihren Wangen hochsteigen. Polydeukes hob entschuldigend die Hände und zeigte ein bekümmertes Gesicht.

„Verzeihung, junge Frau, das war unbedacht von mir.“

Da sah Artun, wie Bretos sich schwer auf eines der Tischchen setzte. Ein Pokal fiel klirrend zu Boden. Irgend etwas war mit ihm. Er atmete rasselnd. Ob das der Wein war? Die Anstrengung des Feierns und Redens? Das rote Gesicht und die Schweißtropfen unter dem Haar, das in die Stirn hing, ließen Artun plötzlich an Damonas Worte denken.  

Druno stützte seinen Vater und flüsterte länger mit ihm. Der nickte und Druno sagte: „Bretos verabschiedet euch. Verzeiht das frühe Ende. Morgen sehen wir uns beim Fest.“

Druno wandte sich leise an Eflida.

„Eflida, Bretos hat sich sehr geärgert, dass du so patzig zu Polydeukes warst. Er bittet dich, in seinem Haus so nicht mehr mit seinen Freunden zu reden.“

Eflida senkte den Blick und schwieg.  


Im Schein einer Fackel gingen Artun und die anderen Isbonaleute zum Gästehaus. Der Mond schien, doch war ein  Wind aufgekommen und dunkle Wolkenfetzen jagten über den Nachthimmel.  

„Eflida, ich muss mit dir reden.“  

Artun zog seine Schwester an die Seite des Gästehauses, in das die anderen eintraten. Eflida schaute ihn neugierig an.

„Wegen der Polydeukes-Sache? Ich denk nicht daran,  brav zu sein, wenn Kekko gefährdet wird.“

„Versteh ich doch. Aber du könntest schon ein wenig weniger zickig sein. Druno hätte das sicher auch gern.“

„Hätte, hätte, Perlenkette. Pah!“

„Lassen wir das. Ich habe vorhin etwas beobachtet, als ich weg war.“  

„Du warst also doch nicht nur auf der Latrine?“

Artun nickte und berichtete von seiner seltsamen Begegnung an der Wehrmauer.

„Das war ein Auftrag“, meinte Eflida.

Artun nickte: „Nur wozu? Was soll der Hellbraune tun? Jemanden umbringen? Oder nur einschüchtern? Oder für Polydeukes ein Geldgeschäft ausführen?  Sollen wir nicht Lugdun alles erzählen?

Eflida überlegte. „Ich glaube nicht. Wir wissen zu wenig. Vielleicht ist alles ganz harmlos. Du kannst auch nicht einmal sicher sagen, dass der Auftraggeber Polydeukes war. Lange Nasen gibt es viele. Dann würden wir dumm dastehen. Außerdem – ich traue Lugdun nicht. Ich spüre, dass er etwas gegen uns hat.“

Artun nickte langsam: „Lass uns morgen die Augen offenhalten. Vielleicht stoßen wir auf den Hellbraunen mit der Fuchspelztasche. Übrigens: Hekate Melana, was meinte er damit?“

„Swelta hat einmal davon gesprochen. Eine griechische Göttin der Magie. Soll ihren Gläubigen Macht und Reichtum bringen. Diese Priesterin hier im Ort dient ihr.“

Sie betraten ihre Kammer, legten den schweren Riegel vor und machten sich fertig zur Nacht. Nebenan schliefen Lugdun und sein Waffenträger. Bald lag das Haus in Schweigen.


Der Tag zog früh herauf, denn es war Hochsommer, der Tag des keltischen Sommerfests sechs Wochen nach der Sonnwende, zur Zeit der größten Hitze. Die Isbonaleute erhoben sich.  

Druno kam, wie sie es gestern vereinbart hatten, man verzehrte den Linsenbrei und dann wollte Druno Eflida und Artun die berühmten Werkstätten zeigen, die das weite Keltenland versorgten. Auch in Isbona waren diese Waren begehrt.

Draußen tauchten sie in die Menge ein, die wenige Stunden vor dem Fest die Wege füllte. Kekko flog mit.

Man sah bewaffnete Männer mit Dolch, Speer und Schild, andere, die schwere Kessel mit Honigmet oder Bier zum Festplatz trugen, Frauen mit vollen Körben und junge Leute, die das Durcheinander genossen und unternehmungslustig um sich blickten, stets zu einem Spaß bereit. Dazwischen wuselten Kinder, spielten mit Reifen oder jagten sich zwischen den Häusern.  

Artun staunte, wie regelmäßig die Gebäude hier errichtet worden waren und wie sauber die Kalktünche strahlte. Viele Häuser waren mit Birkengrün geschmückt. Jenseits der Dächer flatterten bunte Bänder an langen Stangen auf der Wehrmauer. Der ganze Ort schien im Licht des Sommers zu leuchten.

Druno lächelte, als er den staunenden Blick Artuns sah: „So sieht es nicht immer aus. Aber da sind wir schon bei den Töpfern.“

Sie waren in dem Teil der Stadt angekommen, der am Danotor in Richtung zum Fluss lag. Vor einem der großen Gebäude trat ihnen ein kräftiger Mann entgegen, ein Meister der Töpferei, wie Druno erklärte. Er führte sie durch die Räume.

„Früher wurde in den feuchten Ton geritzt und gestempelt. War umständlich und langsam. Jetzt tauchen wir die Ware in eine rote Tonbrühe, färben in der Mitte mit Weiß und dann kommt es darauf an, mit Schwung die Muster aufzumalen.“ Er führte es an einer Schüssel vor. „Dann wird poliert und am Ende glänzt das, du kannst dich fast drin spiegeln.“ Er hielt Eflida einen fertigen Topf hin. Auf langen Regalen stapelten sich Dutzende von Gefäßen in allen Formen.

Der Meister führte sie nun in eine andere Werkstätte, wo Töpfer an Brennöfen hantierten. „Hier werden aus eisenreichem Ton pechschwarze Kelche und Pokale gebrannt. Haben wir von den Etruskern gelernt, und jetzt sind wir mindestens so gut.“

Sie gingen hinüber zu den Bronzegießern und Metalltreibern und bestaunten die schimmernden Gewandfibeln. Man sah gedrehte Schlangenfibeln, Paukenfibeln mit kleinen bauchigen Schmuckteilen und Kahnfibeln, die lang und schmal wie ein winziges Boot aussahen.  

„Ein Bronzefachmann stellt am Tag zwei bis drei Fibeln her“, erklärte einer der Männer. „Einen Bronzeteil gießen wir so: Wir machen einen Tonkern, formen Wachs darum und umhüllen alles mit Lehm. Dann wird erhitzt, das Wachs fließt heraus und wir füllen den  Hohlraum mit flüssiger Bronze. Am Ende wird der Tonmantel zerschlagen.“

Eflida merkte plötzlich, dass Kekko verschwunden war. Ihm war wohl langweilig geworden und er saß vielleicht längst zuhause auf dem Dach.

Nebenan hämmerten Metalltreiber Bleche und verzierten sie mit ausgestanzten Löchern oder geometrischen Mustern. Besonders schön fand Artun die Gürtelbleche mit den Tierköpfen und  den Sonnensymbolen.

Druno wollte sie nun zu den Drechslern führen: „Die schnitzen aus Geweih, Elfenbein und Bernstein Schmuckstücke. Auch aus schwarzem Gagat oder Korallen. Das sind wahre Künstler.“  

Sie überquerten den Weg und drängten sich durch die Menge. Artun blickte die Gasse entlang, die an der Wehrmauer entlangführte. In einiger Entfernung stand, halb verdeckt durch die Fußgänger, ein Mann in einem hellbraunen Umhang. An seiner Seite glaubte Artun eine Tasche zu erkennen. War das nicht ...?

„Eflida, das kann er sein, der Kerl von der Mauer! Geht ihr links herum und schneidet ihm den Weg ab!“ Er rannte los und bahnte sich einen Weg durch das Gedränge. Eflida packte den verblüfften Druno am Ärmel und zog ihn mit.  

Artun sah nun, wie der Unbekannte um eine Hausecke bog. Ob er gemerkt hatte, dass er verfolgt wurde? Artun wurde durch einen Wagen aufgehalten, der ihm in die Quere kam. Dann hetzte er weiter und tatsächlich, weit vorn in der Querstraße sah er den Mann, der sich immer wieder umzublicken schien. Der hatte ein schlechtes Gewissen, das war nun klar. Artun holte   den Mann ein und riss ihn zu sich herum.  

„Halt, Kerl!“

Eine neugierige Menge begann sich zu sammeln.  

Artun stieß schrill ihren Familienpfiff aus, das Erkennungszeichen, das ihr Vater Grann ihnen gelehrt hatte.  Hoffentlich hörte ihn Eflida. Dann zog er dem Mann den Umhang vom Kopf. Was er sah, verblüffte ihn: Ein alter Mann blickte ihn böse an, mit zahnlosem Mund und tränenden Augen.

„Was wollt ihr von mir?“, zischte er. Er hielt sich nur schwankend auf den Beinen.  

Da hörte man plötzlich Hundegebell. Der Kreis der Schaulustigen öffnete sich und ein düster blickender Mann trat nach vorn. Er riss drei schwarze Hunde an ihren Leinen zurück, hochbeinige Tiere mit schmalen Köpfen, die Artun wütend ankläfften. Der Mann herrschte Artun an: „Was geht hier vor? Du bist doch einer der Isbonaleute? Was hast du hier mit Lork zu schaffen?“

Artun brachte zunächst kein Wort hervor. Zum Glück rannten in diesem Augenblick Eflida und Druno um die Ecke. Druno erfasst die Lage sofort.

„Lork, du kannst gehen. Und du, Lysippos, überlass mir die Sache. Wir sehen uns beim Fest.“ Der Düstere grüßte und ging davon. Der Alte aber stieß einen Fluch aus und humpelte schwerfällig um die Hausecke. Artun sah nun, dass seine Tasche aus abgetragenem rötlichem Stoff war. Plötzlich sah man, wie Lork nochmals um die Hausecke blickte und mit der Faust drohte. Artun berichtete kurz von seinem Erlebnis an der Mauer.  

„Das ist Lork, alt und harmlos. War mal ein guter Baumeister, aber das ist lange her. Heute kann er einem leid tun. Er liebt nur noch den Rausch. Unmöglich, dass er der Mann ist.“

„Und der andere?

„Ist Lysippos, ein Vertrauter von Xylissa, der Priesterin. Die Hunde gehören ihr. Mein Vater ist ihr sehr gewogen. Morgen werdet ihr sie erleben. Sie hat es erreicht, dass sie beim Fest opfern darf. Einen Seher haben wir seit Jahren nicht.“

Artun blickte zu Boden.

„Ich könnte mich ohrfeigen. Der Alte kann es wirklich nicht gewesen sein. Jetzt haben wir einen Gegner in der Danoburg.“

Eflida meinte trocken: „Ich denke zwei.“ Druno erwiderte: „Es können auch vier sein.“  

Die Sonne war inzwischen schon hoch gestiegen, und  sie beschlossen, später einmal zu den Drechslern zu gehen. Vor dem Gästehaus trennten sie sich.

„Netter Kerl, der Druno“, meinte Artun.

„Sagt nicht viel und lacht selten. Seine Augen schauen immer ein wenig traurig. Aber ich mag ihn.“

Vor dem Haus hüpfte Kekko aufgeregt herum.

„Was hast denn du da?“ Eflida staunte: Kekko trug eine kleine glänzende Schlangenfibel im Schnabel und ruckte stolz mit dem Kopf. Dann legte er die Fibel nieder und schnarrte „Äz-ken“ ohne Ende.  

„Schätzchen? Na, das muss ich mir nochmal überlegen!“, kicherte Eflida.

„Das hat dein Halunke bei den Gießern gestohlen, der will  hier ein Schmuckversteck anlegen wie in Isbona“, meinte Artun. Eflida musste das schöne Stück zurückbringen und Abbitte tun. Für Spaß war gesorgt, wenn Kekko dabei war.  


Am Nachmittag trafen sich die Isbonaleute mit Polydeukes und seinem Bauführer, die ihnen die Erneuerung der Wehrmauer zeigen sollten. Bald standen sie oben auf dem Haupttor, über sich das feste Schindeldach. Es war heiß. Immer wieder jagten Windböen über den Hügel hinweg, dass die bunten Bänder an den Stangen auf den Bastionen wild flatterten. Weit gegen Sonnenuntergang hatte sich am Horizont eine schmale, dunkle Wolkenwand gebildet.

Von hier oben aus hatte man die ganze Burg im Blick, die unter ihnen lag, sicher 400 Schritte lang.  Unzählige Häuser, mit Schilf oder mit Holzschindeln gedeckt, standen an engen Gassen. Viele Menschen waren unterwegs zum Festplatz bei einer großen Linde. Man hörte das Rufen und man roch immer wieder einmal das gebratenen Fleisch von den Feuerstellen, wo schon gegessen wurde. Einige junge Männer und Frauen tanzten ausgelassen im Kreis.

Eflida und Artun lehnten nebeneinander am Geländer.

„Und irgendwo da unten kann der Unbekannte mit dem Dolch sein“, flüsterte Eflida Artun zu, „schleicht um die Häuser und sucht sich sein Opfer.“

„Gut möglich. Vielleicht soll er seinen Auftrag heute beim Fest ausführen. Gestern die Planung, heute die Tat“, erwiderte Artun leise und beobachtete verstohlen Polydeukes, der ganz entspannt und freundlich mit Lugdun plauderte. Schwer vorstellbar, dass er der Anstifter einer schlimmen Tat sein sollte. Wahrscheinlich  war alles ganz anders.

„Wir müssen die Augen offen halten“, meinte Eflida. „Auch auf Polydeukes müssen wir achten.  Könnte sein, dass er mit irgendjemand etwas bespricht oder etwas tut, was für uns wichtig sein könnte.“

In einiger Entfernung sah man gegen Sonnenuntergang einen großen Grabhügel und mehrere kleinere und dahinter die weiten Wälder der Albis.

Der Bauführer Lysias, ein Grieche aus Sikania, der Insel weit gegen Mittag, wies auf die Bastionen hin, die in langer Reihe zwei Seiten der Stadt schützten. Sie sahen wie kleine, feste Türme aus, die im Abstand von 30 Mannslängen aus der Mauer nach oben wuchsen und nach außen vorsprangen.  

„Bretos Vater hatte die Idee für das Ganze, zusammen mit anderen Gutsherren, vor dreißig Sommern. Zur Dano fällt der Hügel steil ab, da reicht die Mauer. Da, wo der Feind am ehesten angreift, wo der Hügel flach ist, wurden die 16 Bastionen gebaut. Von unseren Fachleuten nach phönizischem Vorbild, mit keltischen Helfern.“

Artun hörte den Stolz in Lysias‘ Worten.  

„Die Mauer ist aus fünfhundert mal tausend Lehmziegeln gebaut, an der Luft getrocknet, auf einem festen Kalksteinsockel. Gibt es bisher nur im Land der Griechen. Wir haben bei der Erneuerung alles mit Kalksteinen verkleidet. Ist ein Schutz gegen den Regen hier bei euch im Keltenland. Das brauchen wir auf Sikania nicht“, lächelte Lysias.  

Sie erfuhren, dass die Mauer fast drei Mann hoch war und dass ein einziger Torflügel der beiden Tore so viel wog wie sechs Männer.  

„Wer gegen diese Mauer anrennt, holt sich blutige Köpfe“, ergänzte Polydeukes.  

Lugdun nickte ihm schweigend zu. „Aber der hölzerne Wehrgang und das Dach könnten brennen, nicht?“

Lysias wehrte ab: „Eiche brennt nicht so leicht. Und vergiss nicht den Graben und die Kämpfer hier auf dem Gang hinter den Luken mit ihren Speeren.“

Der Graben war wirklich mindestens fünf Mannslängen tief und zehn breit, die Abhänge ziemlich steil. Hier hochzukommen war fast unmöglich.

Eflida fragte nach den Grabhügeln in der Ferne.

„Insgesamt fast ein Dutzend. Der größte ist der Ahnenbühl, zehn Mann hoch, Bretos Eltern ruhen da.“

Polydeukes schaltete sich ein: „Und alles viel reicher als in eurem Isbona-Hügel. Bretos hat mir davon berichtet.“  

Da erklang ein Hornsignal, und sie beeilten sich, zum Festplatz beim Herrenhof zu kommen.

Unterwegs stießen sie auf Kekko, der irgendwo Haselnüsse organisiert hatte und sie nun auf den Weg  warf.

„Was macht euer Vogel da?“, staunte  Lysias.

Da ratterte ein Wagen heran und überfuhr die Nüsse. Der Rabe hüpfte eilig herbei und pulte geschickt das Innere aus den zerbrochenen Schalen.

Polydeukes grinste: „Der weiß, wie man es macht. Lässt andere für sich arbeiten. Raben sind eben fast so klug wie Menschen.“