Hartmut Danneck

 


Im August 2020 erschienen: 

Die Kelteneiche 

Jugendroman 

epubli Verlag Berlin

224 S., illustriert
Taschenbuch ISBN 978-3-7529-8725-6, 10,99 €

geb. Ausgabe ISBN 978-3-7529-9831-3, 22,99 €




Wo gibt es den Roman? In allen Buchhandlungen sowie im Franziskanermuseum Villingen, im Keltenmuseum Heuneburg, im Freilichtmuseum Heuneburg/Hunder-singen und im Archäologischen Landesmuseum Konstanz. 


Das junge Zwillingspaar Artun und Eflida lebt im Keltendorf Isbona. Ihre Eltern sind vor Jahren verschwunden. Die beiden kommen diesem düsteren Geheimnis auf die Spur und wecken dabei den Argwohn Triduns, des Herrn von Isbona. Rätselhafte Ereignisse lassen vermuten, dass auch andere es auf die Zwillinge abgesehen haben. 

Besonders mit Tridun und dem mächtigen Bel geraten sie immer wieder aneinander. 

Triduns ehrgeizigen Plänen ist die heilige Eiche im Weg. Dann stirbt seine Frau und er will, dass ihr Eflidas Freundin als Totenopfer mit ins Grab folgt. Griechische Fernhändler schenken Tridun den jungen Philippos als Sklaven. Philippos befreundet  sich mit den Zwillingen. Mit ihrer Hilfe plant er die Flucht aus Isbona. 


Die Geschichte spielt im 6. Jahrhundert  v. Chr. rund um den Fürstengrabhügel bei Villingen-Schwenningen, den heutigen Magdalenenberg.  

 

„Die Kelteneiche“: spannende Abenteuer, eine faszinierende Kultur, Helden, weise Frauen, Verräter und ein Rabe, der für Wirbel sorgt ...


Abbildungen von Adelheid Schelkle-Danneck

hier:
Artun und Eflida bei der Eiche am Grabhügel 
Rabe Kekko und sein Schatz
Am unheimlichen Teich der Göttin Abnoba
Die beiden Alten Swelta und Ul eröffnen Eflida und Artun das Geheimnis ihrer Eltern


Ein Leser schreibt: 


"Es ist eine wunderbar erzählte Geschichte, zum Träumen, zum Abschalten von den Gruselerzählungen der Gegenwart. Ich selber empfand es auch als ein beglückendes Lehrstück – also da geht der Historiker durch seine Heimat, in der inzwischen mehr Fremde als Freunde siedeln, und beschwört die Zeit, ruft die Geschichte herauf, macht uraltes Kulturland wieder lebendig. ... Die Kelteneiche unterhält nicht bloß, sondern stimmt einen ein auf einen Geist, der nötig ist, um die Gegenwart in ihrem Zusammenhang empfinden und beeinflussen zu können. Die Kelteneiche geht übrigens weiter, lest sie, liebe Freunde, lest und freut euch des Lebens, und freut euch der wenigen brillant erzählten Geschichten, in richtigem schönen Deutsch.“  Prof. em. Jan Meier, Berlin


Hier hineinlesen: 

Inhalt des ersten Kapitels: Eflida und Artun leben bei ihrem Onkel Karanun und ihrer Tante Breget. Im leerstehenden elterlichen Haus bricht unter rätselhaften Umständen Feuer aus. Die beiden retten Eflidas zahmen Raben Kekko aus den Flammen, erleiden dabei aber Verletzungen. Vor allem Artun  trifft  es schwer. Die beiden werden von den Verwandten gepflegt. Auch die uralten Seher Swelta und Ul helfen mit ihrem medizinischen Wissen. 


Kapitel 2: Gerüchte


Der nächste Tag war sonnig und warm.  Es drängte Eflida hinaus aus ihrer dumpfen Kammer. Sie war noch schwach. Breget begleitete sie, und sie gingen langsam an den Viehweiden vorbei, die zum Finstertal hin lagen. Über ihnen zog Kekko seine Kreise. Einige Nachbarn grüßten freundlich. Sie freuten sich, dass Eflida wieder auf den Beinen war. Friedlich weideten die Kühe, neben ihnen scharten sich die Ziegen und Schafe zusammen und vorne beim Schmied grunzten die Schweine hinter ihrem Gatter. Bald sah Breget, dass Eflida allein zurecht kam und kehrte um.

Eflida ging zum Ausguck vorn am Bergsporn und setzte sich unter die Esche. In der Ferne sah man den großen Grabhügel Daguns und daneben den dunklen Umriss der heilige Eiche der Isbonaleute. Dahinter verschwammen die Hügelketten in ihrem grauen und blauen Auf und Ab.

Ein Vogel stieg unter ihr aus dem Wald auf und flog in weitem Bogen langsam nach Sonnenaufgang. Dort hatten sie ihre Salzquellen und noch weiter hinten ragten die Höhen der Albis auf, der Weißen Berge mit ihren Kalkfelsen. Dort begann das Land der Danoleute, von denen man so viel hörte, seit sie ihre Höhenfestung mit einer Mauer aus Lehmziegeln umgeben hatten. Kein Keltenort hatte so etwas. Bauleute vom Meer der Griechen hatten sie errichtet. Auch Eflida wollte die Riesenmauer auf der Danoburg einmal sehen und das glanzvolle Leben hinter ihr.

Die Isbonaleute stammten von den Danoleuten ab. Oft hatte Eflida gehört vom Zug Daguns, des Sohnes eines Danoherren, an den Rand des Abnobawaldes, wo sie heute lebten.

Sie wandte sich nach Sonnenuntergang, zu den Bergzügen des großen Waldes. Dort lebte Abnoba, ihre Schutzgöttin. Mit ihren grünen Augen wachte sie über das Keltenland, über Isbona,  und schickte aus ihren Quellen das gute, klare Wasser für Menschen und Tiere.

Wunderbar feine Wolken zogen langsam über die weiten Höhen her. Es war ein raues Land, aber sie liebte es. Als sie einmal mit Karanun auf einer Fahrt zum Großen See gekommen war, staunte sie über die Wärme und die fruchtbaren Gärten am See. Aber bald zog es sie wieder nach Isbona.

Auf dem Rückweg kam sie an der Brandruine vorbei. Eflida hatte Angst gehabt vor diesem Anblick. Sie zwang sich hinzusehen.

Das Apfelbäumchen! Sie rannte los und stand vor dem Bäumchen, das dort dünn und kahl vor der Ruine emporragte. Ohne Blätter, obwohl Sommer war. Eflida presste die Lippen aufeinander. Das war das Holzapfelbäumchen, das ihre Eltern gepflanzt hatten, bevor sie verschwanden. Jedes Jahr hatte seither Breget aus den wenigen Äpfelchen Dörrobst für den Winter gemacht. Eflida wollte es nicht wahrhaben, dass das Bäumchen nicht mehr lebte.

Da merkte sie plötzlich, dass jemand sie beobachtete. Die alte Damona humpelte an ihrem Stock daher.

„Na, Grünäugelchen, schon wieder unterwegs? Und drin liegt der Bruder?“

Eflida hatte keine Lust, mit Damona zu sprechen, der „Schwertzunge“, wie sie in Isbona genannt wurde. Sie  hatte flinke Augen, wusste vieles, was in Isbona geschah, und glaubte noch mehr zu wissen. Sie kannte alle Beeren, Kräuter und Wurzeln. Man achtete sie, weil sie mit den Tieren und Pflanzen sprechen konnte, aber viele gingen ihr auch aus dem Wege. Sie war barsch und eigenwillig, ihr scharfes Mundwerk war gefürchtet.

„Ja, Artun ist noch sehr schwach. Aber Swelta und Ul pflegen ihn.“

Damona kicherte.

„Ja, hoffen darf man immer. Auch wenn es aussichtslos ist. Aber weißt du denn schon, was man sich erzählt?“

Eflida schüttelte den Kopf und wollte gehen. Doch Damona legte ihre runzlige, knochige Hand auf ihren Arm.

„Täubchen, pass auf. Ich will dich nicht erschrecken. Aber man sagt, dass der Brand kein Zufall war. Dass schon in der Nacht vor dem Brand ein unheimliches Licht in dem dunklen Haus leuchtete. Und dass der Rabe in das ganze Unheil verwickelt ist, sei auch kein Zufall. Du weißt ja, Raben sind auch die Vögel des Jenseits.“

Eflida riss sich los.

„Wer erzählt das? Das ist Unsinn!“

„Unsinn? Nicht alles, das wie Unsinn aussieht, ist es auch. Andere meinen auch, dass es in dem Haus der Verschwundenen schon seit langer Zeit nicht mit rechten Dingen zugeht. Dass vielleicht ein Fluch auf diesem Haus liegt. Dass man das Haus längst hätte ausräuchern sollen.“

Eflida schnaubte verächtlich.

„Hätte, hätte, Perlenkette. Das sind doch Schauergeschichten. Wer erzählt solche Sachen?!“

Doch Damona wiegte nur den Kopf und grinste. Da drehte sich Eflida um und ließ die Alte stehen.

„Nicht weglaufen, Kindchen, das nützt nichts. Wenn es ein Fluch ist, ich sage wenn, dann kann man  nicht fortlaufen!“

Eflida konnte es nicht mehr aushalten. Sie rannte los, aber hinter ihr hörte sie die Rufe der Alten.

„Bleib stehen! Ich weiß noch mehr!“

Außer Atem kam Eflida bei Breget an. Die merkte, dass etwas nicht stimmte, aber Eflida ging gleich in Artuns Kammer.


Nun begannen unangenehme Tage. Eflida erfuhr, dass die Gerüchte weiter die Runde machten. Keiner wusste, von wem das alles stammte, jeder gab nur wieder, was er gehört hatte.

Die meisten glaubten dem Gerede zum Glück nicht. Sie kamen vorbei und sagten ihr, dass sie das alles schlimm fanden. Das war ein Trost für Eflida.

Oft waren die Nächte anstrengend. Artun fieberte und wälzte sich schweißnass auf dem Lager. Manchmal sprach er im Halbschlaf. Eflida hielt dann die halbe Nacht Wache am Bett. Sie kühlte Artuns Stirn mit feuchten Tüchern, flößte dem Kranken löffelweise die bitteren Säfte ein, die Ul gebracht hatte, und passte auf, dass er nicht aus dem Bett fiel. Abgelöst wurde sie von Tarana, Breget oder Karanun. Man konnte Artun nicht allein lassen.


Einige Tage waren vergangen. Eflida hatte Wachdienst in der Nacht. Sie freute sich, dass Artun heute ganz ruhig schlief. Auch seine Stirn war trocken, nur die Narbe sah man noch deutlich. Eflida hatte Tarana abgelöst, und im Weggehen hatte Tarana noch augenzwinkernd etwas von einem Erlebnis im Herrenhof gesagt, das sie Eflida später erzählen wollte. Tarana war dort die Dienerin von Morregan, der Frau Triduns.

Nun wurde Eflida die Zeit lang. Sie überlegte, ob sie nicht kurz zu Tarana hinüberlaufen konnte. Sie sah, wie ruhig Artun atmete, und schlüpfte hinaus. Schnell war sie drüben und bald saß sie mit Tarana in der Dienerkammer und lauschte einer Geschichte über den neuen, prächtigen Halsschmuck, den Tridun seiner Frau geschenkt hatte, ein Gehänge aus dutzenden Goldplättchen. Morregan wollte ihn nicht haben, Tridun war enttäuscht und Tarana hatte durch die Wand den Wortwechsels mitgehört, der dann folgte. Eflida merkte nicht, wie die Zeit verging, bis plötzlich ein Schrei von draußen zu hören war.

„Eflida!“

Eflida schrak zusammen und sprang auf, hetzte aus der Kammer, aus dem Herrenhof hinaus. Breget fing sie auf.

„Artun! Aus dem Bett gefallen, es geht ihm nicht gut!“

Eflida schoss die Schamröte in die Wangen. Sie hatte den Kranken verlassen, und nun war etwas geschehen. Sie war schuld!

Wie benommen folgte sie Breget in Artuns Kammer. Karanun war bei ihm. Tarana streckte ihr bleiches Gesicht nun auch zur Tür herein und trat vorsichtig ans Bett.

Artun versuchte zu lächeln, aber seine fieberglänzenden Augen gingen verwirrt von einem zum anderen.

Breget flüsterte Eflida zu: „Ich kam nach Hause. Dann ein Gepolter bei Artun. Er lag am Boden zwischen zerknüllten Decken, zu schwach, um zu reden. Seine Augen waren vor Schreck ganz weit.“

Eflida presste die Lippen aufeinander. Einige Augenblick war es ganz still im Raum. Artun war erschöpft eingeschlafen.

„Halt, was ist das?“, flüsterte Breget. „Da, an der linken Seite, am Kopf!“

Eflida sah es nun auch.

„Da fehlen Haare!“

So war es. An einer eigroßen Stelle war ein ganzes Haarbüschel sauber über der Kopfhaut abgeschnitten worden, wie mit einem scharfen Messer. Alle waren verblüfft. Man rätselte herum, aber man fand keine Erklärung.

Karanun schüttelte den Kopf und flüsterte: „Da muss einer hier eingedrungen sein und ihm die Haare abgeschnitten haben. Aber wozu? Was soll das?“

Noch lange überlegte man hin und her. Die Sache blieb geheimnisvoll.

Als alle gegangen waren, saß Eflida erschöpft am Lager und lauschte den unruhigen Atemzügen Artuns. Die Gedanken kreisten in ihrem Kopf. Das einzig Gute war, dass niemand ihr Vorwürfe gemacht hatte. Noch nicht, das konnte noch kommen. Die schlimmste Ungewissheit war, was Artun sagen würde. Eflida saß da und versuchte die Tränen zurückzuhalten.


Am nächsten Tag nahm Eflida ihren Mut zusammen, ging zu Swelta und vertraute sich ihr an. Die Seherin hörte aufmerksam zu.

„Mir fällt da etwas ein. Was ich dir nun sage, bleibt unter uns.“

Eflida nickte.

„Vor vielen Jahren gab es bei den Danoleuten einen Zauber mit abgeschnittenen Haaren. Winna hat davon erzählt, sie kennt ihn. Das ist ein schwarzer Zauber, ein Schadenzauber. Wir Eichenkundigen wenden ihn nicht an, niemals. Man nimmt die Haare eines Menschen, näht sie in ein winziges Wollsäckchen und steckt das Säckchen in den aufgeschlitzten Stamm einer Weide. Dann spricht man einen Fluch über die Haare. Wenn der Fluch Kraft hat, stirbt die Weide. Und bald der Mensch.“

Eflida schauderte es. Sollte tatsächlich irgend jemand in Isbona das auch bei Artun getan haben? Aber warum? Einer, der auch die Gerüchte verbreitete? Oder gar die alte Winna, eine Nachbarin, die Eflida kannte und mochte, seit sie ein Kind war?

In der Nacht schlief Artun besser. Von da an ging es aufwärts mit ihm. Drei Tage danach stand er auf und am fünften Tag hatte er wieder so viel Kraft, dass er das Haus verlassen konnte. Eflida wanderte mit ihm langsam zur heiligen Eiche.

Der Riesenbaum stand am Rande des Dagungrabes, des mächtigen Grabhügels, 2000 Schritte von Isbona entfernt. Dort legten sie als Dank für ihre Heilung drei Honigkuchen, die Eflida gebacken hatte, auf den Opferstein.

Es war ein schöner Tag, man sah in der Ferne die Bergkette der Eisriesen. Kaum ein Weg führte hinüber ins Land am Meer. Nur wagemutige Händler überwanden diese Sperre und erzählten vom Leben dort drüben, das so ganz anders sein sollte als das Leben hier.

Artun trat an den Baum, legte seine Arme und seine Schläfe an den mächtigen Stamm und schaute hinauf in das Blätterdach. Vier gewaltige Arme streckte der  Riese in den Himmel, knorrig und erhaben. Unzählige Winter hatte er überstanden, tausend Stürmen getrotzt. Auch Eflida legte den Kopf an die Rinde und sie spürte die Kraft, die von der Eiche ausging. Vielleicht tat das auch Artun gut.

Artun stand lange am Baum, dann ließ er sich nieder.

„Eflida, nun mal eine Frage. Ich spüre hier links am Kopf eine Stelle ohne Haare. Was ist da? Ich habe auch eine Erinnerung an … Was war da los?“

Eflida hatte gewusst, dass dieser Augenblick kommen würde.

„Artun, ich muss dir etwas sagen. Ich habe dich in einer Nacht allein gelassen. Irgend ein Dummkopf muss eingedrungen sein, der hat dir das Haarbüschel abgeschnitten. Und du bist aus dem Bett gefallen. Es tut mir so leid.“

Nun war es gesagt. Artun presste die Lippen aufeinander und sah Eflida mit großen Augen an.

Dann stand er auf und ging weg, in Richtung des Grabhügels, und setzte sich mit dem Rücken zu ihr in das Gras.

Eflida wusste nicht, was sie tun sollte. Zum ersten Mal spürte sie, dass zwischen Artun und ihr etwas geschehen war, was kein Spiel mehr war.

Aber da kam Artun herbei.

„Komm, ich muss zurück. Es ist mir zu viel.“

Froh, dass er ihr keine Vorwürfe machte, ging Eflida mit. Doch sie war nicht sicher, dass alles wieder gut war.

Am nächsten Tag ließ Tridun durch Tarana ausrichten, dass er mit den beiden sprechen müsse.  Eflida rätselte: Was wollte er von ihnen?

Drüben im Herrenhof wurden sie in die große Kammer geführt. Tridun begrüßte sie mit undurchdringlichem Gesicht. In der Ecke saß Bel, die hageren Hände auf dem Knauf seines Stocks.

„Gut, Artun, dass du wieder gesund bist. Das freut mich. Ihr wundert euch, warum ich euch rufen lasse. Um es kurz zu machen: Mir gefallen die Gerüchte nicht, die umgehen. Da wird eine  Brandstiftung erfunden, ein Fluch der Verschwundenen. Ich sage: Es gab keine Brandstiftung, es war ein Unfall. Dann wird von irgendwelchen Haaren erzählt, von geheimen Plänen. Das alles ist Unsinn. Ich möchte, dass auch ihr nichts mehr erzählt über das, was da angeblich geschah.“

„Wir erzählen gar nichts herum. Aber da war etwas, da ist jemand eingedrungen“, sagte Eflida. Tridun zuckte mit der Schulter.

„Die Haare fehlen, schau hier“, setzte Eflida hinzu.

„Mädchen, wie sprichst du mit uns?“ Bels Stimme klang kalt und drohend. Tridun stand auf.

„Haare fehlen immer, wenn sie geschnitten werden. Was soll das denn heißen? Es bleibt dabei, und das ist mein Ernst: Kein Wort mehr von euch beiden über jene Nacht.“

Er öffnete die Tür und ließ die beiden gehen.

Eflida fand es merkwürdig, was sie erlebt hatte. Mit Artun zusammen überlegte sie, was es zu bedeuten hatte. Wollte Tridun etwas vertuschen? Warum war Bel dabei gewesen?

Artun bedankte sich bei ihr, dass sie dem Herrn so mutig widersprochen hatte. Sie hoffte, dass er ihr wieder vertraute.

In den nächsten Tagen stieg ein Plan in Eflida auf: Sie könnte mit ihrem Bruder in das kleine Nebengebäude des Elternhauses ziehen, ins Vorratshaus. Das war vom Feuer verschont geblieben. Sie waren alt genug. In diesem Sommer stand zur Sonnenwende die Keltenprobe für sie an. Wenn sie die bestanden, würden sie als mündige Isbonaleute in die Gemeinschaft aufgenommen werden. Dann wollte sie nicht mehr Breget und Karanun zur Last fallen und lieber auf dem Grund ihrer Eltern leben. Grann und Eponike waren wohlhabend gewesen. Vor drei Jahren hatte Eflida in einer Truhe der Eltern ein fest verschnürtes Ledersäckchen mit Schmuck und Goldblättchen gefunden, von denen sie gut leben konnten.

Gleich am nächsten Tag stimmte Artun zu. Mit der Hilfe ihrer Nachbarn richteten sie sich in dem Gebäude ein. Vieles war beim Brand noch aus dem Besitz der Eltern gerettet worden. Jeder bekam eine Kammer für sich.

„Dann kannst du mit Tarana so lange tratschen, wie du willst“, grinste Artun.

„Und du darfst in deiner Unordnung herumwühlen wie ein Maulwurf. Brüderlein - ach wie fein“, entgegnete Eflida und gab ihm einen Klapps. Artun hatte ihr offenbar verziehen.

In jeder Kammer gab es ein Lager aus Stroh mit Fellen, einen Tisch und zwei Hocker, eine Truhe für die Kleider und Wandbretter. Die Kammern hatten sauber gekalkte Wände. Der Boden aus gestampftem Lehm war mit roten Webteppichen bedeckt. Licht kam durch kleine Fenster mit Läden, die man nach oben schieben konnte. Auf den Wandborden standen rot-schwarz verzierte Tontöpfe, Krüge, Becher und Schüsseln. Kienspanhalter aus Eisen hingen an der Wand.

Eflida hatte sich einen kleinen Webstuhl organisiert, ein Holzgestell mit zwei Pfosten, zwischen denen oben eine Querstange die herabhängenden Fäden hielt, die unten von den Steinwirteln straff gezogen wurden. Sie wob gerne und wollte aus einem hellen Stoff einen Rock nähen. An der Wand hing ihr schöner, schmaler Bogen und der Köcher mit den gefiederten Pfeilen.

Über das Bett spannte sie aus bunten Tüchern eine Art Zelt. Wiesenblumen schmückten den Tisch. Die blauen Glöckchen hatte sie am liebsten. Auf ein Wandbrett stellte sie den Kasten aus Birkenrinde mit ihrem Schmuck. Da verwahrte sie ihre Bronzeringe, die Glas-, Bernstein- und Gagatperlen, die Halsamulette, die Arm- und Fußreifen und ihren besonderen Schatz, eine Paukenfibel mit winzigen Koralleneinlagen. Korallen, das mussten seltsame Meerestiere sein, die im warmen Wasser weit jenseits des Eisgebirges wuchsen und vor Krankheiten und Blitzschlag schützten. Daneben lag das breite bronzene Gürtelblech und die weißen Haarbänder. In einem Körbchen verwahrte sie einen Ring, an dem eine kleine Pinzette, ein Ohrlöffelchen und ein Nagelschneider hingen. Daneben standen Salbgefäße und ihre Schminktöpfchen. Ein anderer kleiner Schatz war das Bronzespiegelchen.

Artun hatte seine Verletzungen überwunden. Er machte sich daran, in einem dritten Raum einen festen Herd zu mauern. Wenn er Zeit hatte, half er Karanun beim Versorgen der zwei Pferde. Er liebte die Tiere.

Dann kam der Tag, an dem er wieder Kraft in sich spürte. Er lieh sich ein Pferd und galoppierte wie vor dem Brand das Brigiatal hinunter und ritt in weitem Bogen an der Eiche und dem Dagungrab vorbei wieder zurück.

Kekko hatte bald verstanden, was vor sich ging. Auf einem Deckenbalken in Eflidas Kammer richtete er sein neues Nest ein. Auch seine Sammlung von Schätzen schleppte er herbei: Bronzekügelchen, Haarnadeln, schwarze Gagatperlen, ein Ohrring, glänzende Scherben, Knöchelchen, bunte Wollfäden und ein Lederarmbändchen. Eflida erwischte ihn, als er Stoffstreifen stibitzte und damit sein Lager ausstopfte, aber sie ließ ihn machen.

Abends sah sie, wie er sich in die Buche hinter ihrem Häuschen schwang. Sie schlich ihm nach. Er saß auf einem hohen Ast und übte sich im Pfeifen, bellte wie ein Hund oder machte den Schrei des Eichelhähers nach. Auch seine Wörter „I-ärr“ und „Äz-ken“, was „Gib her“ und „Schätzchen“ heißen sollte, übte er unermüdlich. Als er merkte, dass Eflida ihn belauschte, verstummte er und drehte sich verärgert auf dem Ast in die andere Richtung. Eflida kicherte und ging ins Haus.

Swelta hatte ihr einmal gesagt, dass die Raben zu den klügsten Tieren gehörten. Kekko war wirklich schlau, hatte ein gutes Gedächtnis und war stets zu Schabernack aufgelegt. Jeden Morgen flog er zum Brunnen und bettelte um einen Guss Wasser, den ihm die Wasserholer über den Kopf gießen mussten. Danach putzte er sich sorgfältig jede einzelne Feder. Wenn er sich dabei beobachtet fühlte, protestierte er krächzend und drehte sich weg.

Ein andermal pulte er im Herrenhaus die Dochte aus den vornehmen griechischen Öllampen und versteckte sie in einem Kochtopf. Eflida bekam dann Ärger und musste alles wieder gutmachen, während Kekko einen Tag lang verschwunden war.

Er machte ohnehin oft Ausflüge, auch über Nacht, aber er kam immer wieder. Dann hüpfte er neben Eflida auf den Tisch, rieb seinen blauschwarzen schimmernden Kopf an Eflidas Schulter und schaute sie mit seinen klugen, glänzenden Augen an.  

Auch in Artuns neuer Kammer stolzierte er umher und beäugte alles. Weniger interessierte ihn der Korb, in dem Artuns Messer lagen, auch das alte aus Bronze, ein Erbstück von seinem Großvater. Kekko lugte in den Bastbeutel, in dem zwei bronzene Sonnenkreuze glänzten, die Grann seinem Sohn als Kind geschenkt hatte. In einem Rad zeigten die Speichen acht Sonnenstrahlen. Ganz genau beschaute er sich die Reitgerten, die an einem Holznagel hingen, den großen Wolfsschädel an der Wand und Artuns Angelsachen in der Ecke: die Angelschnüre aus Rindersehnen, die Eisenhaken, die Fisch-speere und die Reusen aus Haselruten.

Am Abend brachte Eflida einen Angelhaken.

„Eflida, wo hast du den her?“

„Tja, Brüderlein, du weißt doch, Raben sind klug. Streng dich an.“

Der letzte von Kekkos Streichen endete schlimm. Kekko hatte Bel seit Jahren nicht leiden können, warum auch immer. Als Bel ihn vor seinem Haus verscheuchte, drang Kekko von hinten ein und warf einen Becher mit Holundersaft um. Er hüpfte dann mit seinen  bekleckerten Krallen auf einem weißen Gewand herum, das auf dem Bett bereitlag, und schrie sein „Äz-ken“.

Eflida stand kurz darauf am Brunnen und  ahnte nichts, als plötzlich von hinten jemand mit einem Stock auf ihren Arm klopfte. Sie fuhr wütend herum und blickte in Bels kalte Augen. Bel warnte sie, ihrem Vogel könne einmal etwas zustoßen.

„Ein Rabenaas, frech und lästig. Kein Wunder, bei solchem Umgang“, sagte er mit heiserer Stimme und stieß seinen Stock gegen den Boden.

Eflida fragte trotzig, was er mit seinen Worten meine, aber Bel schaute sie nur feindselig an, drehte sich um und verschwand.

Sie berichtete Artun von der Begegnung und die beiden rätselten herum.

Hatte der Rabe ihn wirklich so sehr geärgert? Oder hasste er sie beide? Hatte das etwas mit Tridun zu tun, dessen Berater der Alte war? Oder mit den Gerüchten? Vielleicht sogar mit dem Unbekannten an Artuns Bett?

 



Kapitel 10 : Tarana will sich opfern



Eflida warf die Decken zur Seite und horchte ins Dunkel ihrer Kammer. Irgendwo weit hinter den Brigiafelsen heulten Wölfe. Sie war aus einem unruhigen Schlaf aufgeschreckt. Hatte jemand geseufzt? Oder waren das die Unholden?

Sie zuckte furchtbar zusammen, als sie eine Berührung an ihrer Hand spürte.  

„Eflida!“, flüsterte es ganz nahe. Im Dämmerlicht schien ein Gesicht vor ihr zu schweben. Sie fröstelte in der kühlen Nachtluft.

„Erkennst du mich nicht, ich bin‘s, Tarana.“

Taranas Stimme klang ruhig und fest. Eflida griff nach Taranas Hand.

„Ich komme, weil ich bald …“

Tarana verstummte.  

„Ich komme, weil ich euch verlassen werde.“

„Verlassen? Was ist los? Warum kommst du überhaupt mitten in der Nacht? Du machst mir Angst.“

„Morregan wird sterben, und ich … gehe mit ihr.“

Eflida hörte den heftigen Atem Taranas.

„Tridun befiehlt es. Ich muss. Und ich will. Bel hat es übernommen.“

Eflida schauderte. Sie wusste, dass Morregan, Triduns Frau, seit einigen Wochen schwer krank war. Sie kannte auch die Totenfolge, eine uralte Sitte. Wenn der Herr oder die Herrin starb, konnte ein Angehöriger, ein Gefolgsmann oder eine Dienerin ins Jenseits folgen, zum Ruhm der Toten, aber auch zur Ehre der Geopferten. Tridun wollte nun also diesen Brauch auch in Isbona einführen. Er war im Eisenloch gedemütigt worden. Eflida spürte: Nun wollte er mit der Totenfolge seine Macht wieder beweisen. Vor ihr stieg das Gesicht Triduns auf, sein wilder Blick flackerte und sein Eisenreif  blitzte.  

Eflida sah Morregan liegen, aufgerichtet auf den kostbaren Kissen, sie sah die hohlen Wangen und die zitternde Hand, in die man die Klapperbleche gedrückt hatte zur Abwehr der dunklen Mächte, die nach ihr griffen. Morregans letzter Atemzug wäre also Taranas Todesurteil! Wollten es so die Götter? Trotz und Wut stiegen in ihr auf.

„Tarana, das ist doch Wahnsinn.“

Tarana erhob sich und stand am Fenster, durch das ein ganz schwacher Lichtschein fiel.  

„Es muss sein. Ich will meiner Familie keine Schande machen. Und vielleicht wartet im Totenreich auch für mich noch etwas Schönes. Vielleicht kommst du irgendwann nach und wir sehen uns wieder.“

Taranas Worte klangen hohl. Da löste sich ihr Schatten vom Fenster. Sie sank in Eflidas Arme und schluchzte laut auf.

„Ich muss, ich muss!“

Wild zuckte Taranas Körper und wie eine Ertrinkende klammerte sie sich an Eflida, wimmerte unverständliche Worte.

Eflida hielt sie fest umschlungen und griff sacht in ihr aufgelöstes Haar. Sie kannte Tarana, sie wusste, wie ernst sie alles nahm, wie schwermütig sie oft war. Manchmal erzählte sie so gefühlvoll von düsteren Träumen und merkwürdigen Fantasien, dass man staunen musste. Keine konnte wie sie erzählen, selbst Swelta sagte, dass in ihr eine Dichterin schlummere. Sie hatte als kleines Kind ihren Bruder verloren. Sie hatte auf ihn aufpassen sollen, und dann war er im Vindotal in ein Wasserloch gefallen und ertrunken. Man hatte  ihn herausgezogen und er hatte vor ihr gelegen. Sie war außer sich gewesen. Eflida wusste, dass Tarana bis heute darunter litt.  

Tarana stammte aus Magolanum. Ihre Eltern waren einfache Bauern. Sie war seit einem Jahr die Dienerin von Morregan. Eflida wusste, dass Morregan sie wegen ihrer Zuverlässigkeit und ihres Fleißes mochte.  

So lagen sie, bis die Morgendämmerung kam. Dann erhob sich Tarana und strich ihr zerknittertes Kleid glatt. Sie mied den Blick der Freundin. Mit ruhigen Bewegungen nahm sie ihr Bronzeherz von der Brust und hängte es stumm Eflida um den Hals. Dann schlüpfte sie durch die Tür.


***


Artun stieg langsam vom Ulfelsen ins Brigiatal hinunter. Im abendlichen Sonnenlicht strahlten die weißgekalkten Häuschen dort drüben in Isbona vor dem düsteren Hintergrund der Nacht, die heraufzog. Und vorne fast am Bergsporn stand das große Haus des Eisenherrn. Dort lag Morregan im Bett, die mächtige Herrin, die nun bald ihren letzten Gang gehen würde.  

Artun wusste, dass Tarana mitgegeben würde. Eflida hatte ihm am Morgen bei einem eiligen Besuch alles erzählt. Er konnte Tarana gut leiden. Sie war anders als viele Mädchen.

Eflidas aufgeregte Worte kamen ihm jetzt wieder in den Sinn: Tarana getötet! Für Morregan! Für Tridun!

Erneut stieg die Wut wie eine heiße Woge in ihm hoch. Was sollte man tun? Wer konnte helfen?

Artun war nun am Wall angekommen und trat durch das hohe Eichentor auf den Hauptweg des Dorfes. Keiner beachtete ihn, als er scheinbar ziellos den Weg entlang schlenderte. Er vermied es nach der Brandruine zu schauen. In der Nähe des Bergsporns schlich er zwischen zwei Häusern näher an das Herrenhaus heran.  

Im Dunkel neben einem Vorratsspeicher drückte er  sich an die Flechtwerkwand und spähte hinüber zum Tor.

Er wartete. Da näherte sich ein hagerer Mann dem Eingang. Ein Diener leuchtete mit der Fackel. Artun erkannte die scharfen Züge Bels. Was wollte Bel? Hatte sein Besuch mit Morregan zu tun?

Sento, der Pferdejunge, öffnete Bel ehrerbietig die Tür und ging dann zum Stall. Artun nutzte die Gelegenheit und schlüpfte ins Haus. Er trat zunächst in eine Seitenkammer. Er kannte sich hier von einem früheren Besuch aus.  Stille lastete im Haus.  

Artun wusste, wo Morregans Schlafkammer war. Über dem Raum waren unter dem Dach Vorräte gestapelt. Dort oben wollte er sich verstecken und zwischen den Balken nach unten schauen. Ein verrückter Plan!

Er huschte durch den Gang. Keine Menschenseele! Auf einem Steigbaum turnte er behände nach oben. Da hörte er den lauten Gesang einer Männerstimme von unten.  Solange gesungen wurde, konnte man unten seine leisen Geräusche nicht hören, das musste er ausnutzen. Er robbte langsam an Säcken und Körben vorbei im staubigen Dunkel nach vorne. Warm und stickig war es hier.  

Artun suchte eine Ritze. Da! Hell schimmerte das Licht durch die Lücke. Er spähte hindurch.

Schräg unter ihm lag Morregan in ihrem Bett. Artun sah die geschlossenen Augen und den halbgeöffneten Mund. Es stand schlecht um Triduns Frau.  

Am Kopfende des Betts sah er Tarana, ihre Hände lagen an Morregans Kopf. Aufrecht stand sie, bleich, die schwarzen Haare zu einem Zopf geflochten.

Bel kniete am Fußende. Er hatte wohl gesungen, einen Totengesang. Mit den tönernen Rasseln, die wie kleine Vögel aussahen, umging er nun das Bett, rasselte und murmelte. Das war die Geisterabwehr! Man hatte nicht Ul oder Swelta geholt. Artun wagte kaum zu atmen.

Da rührte sich Morregan leise und schlug ganz langsam ihre großen, feucht schimmernden Augen auf. Artun sah den fiebrigen Glanz in diesen Augen, er sah die straff über die Wangenknochen gespannte blasse Haut, das spitze Kinn und die leicht hervortretende Reihe der unteren Zähne. Lächelte sie?

Ein unheimliches Gefühl beschlich Artun.

Plötzlich ging ein Beben durch die Gestalt der Kranken. Die Felldecke flog zur Seite und Morregan tastete zitternd nach Tarana. Während ihre Hände hilflos nach dem Leben griffen, heftete sich ihr Blick starr an die Zimmerdecke. Artun glaubte ihren Blick gerade auf sich gerichtet. Verwirrung ergriff ihn. Sah sie ihn? Durchdrangen ihre sterbenden Augen die festen Bretter? Würde sie im nächsten Augenblick den Lauscher, den Eindringling entlarven? Wie gelähmt folgte er der düsteren Szene unter sich.

„Tarana, hilf … Tridun … dort!“

Schwer atmend stieß Morregan die Worte hervor, mit brüchiger Stimme.

Da flackerte der Kienspan an der Wand schwach auf und verlosch lautlos.

Artun horchte ins Dunkle hinein. Leise Schritte. Wie ein Ring lag die Spannung um seine Brust. Da, ein kaum wahrnehmbares Hauchen. War es Morregans Atem? War es Bel? Oder war es die Seele der Sterbenden?

Tarana holte offenbar Feuer von draußen und als es wieder hell in der Kammer war, stand Bel an der Seite des Betts und betrachtete das Gesicht der Liegenden im Schein des Kienspans. Ihre Augen waren gebrochen, Morregan war tot.

Bel steckte den Span in den Ring an der Wand und strich der Toten über das Gesicht. Langsam hob er den Blick und starrte bewegungslos auf Tarana, die auf der anderen Bettseite wie versteinert stand. Bels Amulett glitzerte im Halbdunkel.

Er griff mit seiner hageren Hand über die Tote hinweg nach Tarana, zog die Überraschte ans Fußende der Liege und drückte sie dort auf den Boden. Zusammengekrümmt lag Tarana zu Füßen Bels. Blitzschnell beugte sich dieser zu dem Mädchen hinunter. Artun hörte ihn hastig etwas flüstern. Da schnellte Tarana empor. Dicht trat sie an den Mann heran und erwiderte seinen Blick.

„Ich bin bereit, doch du wartest!“

Sie raffte ihr Kleid zusammen und schritt an Bel vorbei, der ihr zögernd Platz machte. Mit einem Ruck riss sie die Tür auf und rief in den dunklen Gang die Nachricht vom Tod Morregans hinaus. Schnell regte sich Leben im Haus, alles eilte durcheinander.

Für Artun wurde es Zeit. In der allgemeinen Aufregung fiel es ihm leicht, seinen Lauschposten unauffällig zu verlassen und durch eine schmale Hintertür ins Freie zu schlüpfen. Ihn beschäftigten ganz andere Gedanken, Angst vor Entdeckung hatte er keine mehr.

Sollte man versuchen, Tarana umzustimmen? Oder war ihr Weg, ihr Entschluss richtig? Wollten die Götter ihr Opfer? Oder spielte hier Tridun Gott, einen eigensüchtigen, machtberauschten Gott? Sollte man Tarana verstecken, Triduns Zorn erregen und alle in höchste Gefahr bringen? Vielleicht sollte er Tridun bitten, sein Herz rühren und ihn umzustimmen versuchen. Tausend Gedanken stürmten ihm durch den Kopf.


***


Daheim in ihrem Häuschen saß Eflida beim Kornmahlen. Beide wohnten für einige Tage in Isbona, sie hatten sich wieder einmal länger sehen und auch Breget und Karanun besuchen wollen.

Artun erzählte ihr in kurzen Worten von seinem Erlebnis.

„Ich glaube nicht, dass sie das wirklich fertig bringen. Es wäre zu grauenvoll. Dass Tarana bereit ist, schmeichelt Tridun. Vielleicht will er nur das. “

Artun schüttelte den Kopf.

„Du hast Bel nicht gesehen. Er will es.“

Und Artun stieß ein Holzscheit tief in die Glut des Herdfeuers, dass die Funken stoben.

„Kann die alte Swelta uns helfen? Ich glaube, sie mag Tarana sehr.“

Was sollten sie tun? Lange sprachen sie miteinander. Schließlich legte Eflida nachdenklich den Mahlstein zur Seite.

„Ja, ich muss Swelta um Rat fragen, gleich, noch diese Nacht.“ Sie zog den Gürtel fester und ließ Artun allein im Haus zurück.


Bald saß sie bei Swelta am Herdfeuer und erzählte ihr alles. Swelta schwieg lange und schaute in die Flammen.

„Ich vertraue den Göttern. Ich ahne, dass sie dieses Opfer nicht wollen. Ich weiß aber eines sicher: Unser Herr ist seit dem Eisenloch anders. Man räumt dort oben auf und der Eisenabbau geht weiter. Dennoch: Wenn etwas an der Seele nagt, dann ist der Mensch zu vielem fähig, oft auch zum Bösen.


***


Artun lag am Feuer, das leise knisternd herunterbrannte. Langsam wurde er müde. Er zog die Decke über sich und schaute mit halb geöffneten Lidern in den Brand. Seine Gedanken kreisten um Tridun und Bel, deren Gesichter sich mischten und verschwammen.

Tarana tauchte auf, eine dunkle Gestalt mit schwarzen langen Haaren, die ausgestreckt dalag. Dann stand Tarana mit einem Mal an einem großen Wasser und schritt ohne Zögern über die spiegelnde Oberfläche dahin, bis sie in der Ferne verschwand.


Man hielt die Totenklage im Dorf. Die lang gezogenen Rufe der Klagefrauen drangen gedämpft aus dem Haus des Eisenherrn. Kein Geplauder am Brunnen, keine spielenden Kinder auf den Plätzen, alles schien sich zurückzuziehen.  

Artun wollte noch nicht zurück zum Ulfelsen. Er war ratlos und wusste nicht, was er mit sich anfangen sollte. Ziellos schlenderte er durch die Gassen Isbonas und fand sich schließlich am Felsabbruch vorne, am Ausguck.  

Fast erschrak Artun, als er mit einem Male merkte, dass die schmale Gestalt Taranas neben ihm stand. Der Wind hatte das Geräusch ihrer Schritte verschluckt. Zuerst wollte Artun unauffällig weitergehen, aber irgendetwas hielt ihn dann doch fest.

„Weißt du noch, wie wir da unten am Finsterbach einmal zu dritt gefischt haben?“

Tarana zeigte den steilen Abhang hinunter.

„Deine und meine Angelleinen verwickelten sich heillos, wir versuchten das Wirrwarr zu lösen, und Eflida lachte Tränen und fing inzwischen drei dicke Fische“, erwiderte Artun.

„Am Schluss nahmen wir das Messer“, sagte Tarana, ohne Artun anzusehen.  

Artun spuckte den Abhang hinunter und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Morgen ist die Totenfeier und in drei Tagen die Bestattung. Vielleicht sehen wir uns nicht mehr. Ich war gerne bei … bei euch.“

Tarana strich sich die Haare aus der Stirn. Artun spürte die Entschlossenheit und Härte hinter ihren Worten. Das Mädchen kam ihm rätselhaft vor, aber er merkte auch, dass er nicht weiterreden konnte. Seine Stimme hätte gezittert. Kurz streifte sein Blick ihr Gesicht und zum ersten Mal fielen ihm ihre grauen Augen auf, doch schnell schaute er weg, wandte sich schroff ab und ging mit einem gemurmelten Gruß auf den Lippen zurück ins Dorf.


***


Hoch aufgebahrt lag am nächsten Tag die Leiche Morregans auf dem Dorfplatz, überreich mit Blumen geschmückt. Um die Bahre standen die Opferschalen und die Beigaben, die  übermorgen ins Grab mitgegeben würden. Ein Regen war am Morgen niedergegangen, die Sonne strahlte aber schon wieder vom blankgewaschenen Himmel und wärmte die Trauernden.

Dies war keine übliche Totenfeier, das sah Eflida. Triduns Macht wurde hier gezeigt. Die Tote war eine Herrin. Lugdun und seine Bewaffneten hielten Wache.

Eflida trat näher heran. Die Schlangenfibel auf der Brust blitzte, genauso wie die unzähligen Schläfenringe. An beiden Armen prangten die Tonnenarmreife aus dem schwärzlichen Gagat, dem kostbaren Stoff, mit dem nur die reichen Frauen sich schmücken konnten. Arbeiten konnte man mit diesen doppelhandbreiten Armreifen nicht, nur langsame Bewegungen waren möglich.

An den Fingern trug Morregan mehrere Bronzeringe und vor dem vollen Leib den Gürtel, besetzt mit hunderten von Bronzenieten und zusammengehalten vom breiten, glänzenden Gürtelblech. Zu Füßen der Leiche standen zwei besonders schöne Tongefäße bereit, verziert und gefärbt mit rotem Ocker und schwarzer Kohle, eine Meisterleistung von Luko, dem Töpfer.

„Tridun spart nicht, er zeigt, was er hat“, meinte halblaut eine Frau an der Seite Eflidas. Bevor Eflida antworten konnte, waren vom Tor her Rufe zu hören. Erstaunt blickte sie dorthin.  

Der Kreis öffnete sich und drei zerlumpte Gestalten wankten herbei, zwei Männer, ein alter und ein junger, die ein Mädchen führten, ein dünnes Mädchen, fast ein Kind noch, mit langen zerzausten Haaren und hohlen Wangen.  

„Was soll das? Wer stört die Feier Morregans?“, fragte Bel in die Stille hinein.

Jetzt erkannte Eflida den Jungen. Es war Lir.

„Das Mädchen ist krank, todkrank. Wir brauchen Hilfe, kommen vom Eisenloch, eine Seuche, Fieber. Sie brach zusammen, hustet, hat rote Flecken.“

Eflida sah nun die abgetragenen Kleider der Eisenleute, die derben Fäuste und den ungepflegten Bart des Älteren.

Lir schwankte und sagte dann leise: „Wir wollen nicht viel. Aber sie ist ja auch ein Mensch.“

Lugdun kam heran und sagte leise: „Ihr stört hier die heilige Handlung für die Herrin.“

Eflida hörte es. Ihr stockte der Atem. Sie musste helfen. Sie wandte sich an Breget, und zusammen mit Breget führte sie das kranke Mädchen weg, in Bregets Haus. Eflida sah im Weggehen, wie Artun, Lir und der Alte zusammenstanden.

„Wie heißt du?“

Mit ganz schwacher Stimme antwortete das Mädchen: „Mila.“

Eflida roch den muffigen Geruch, der aus den Lumpen des Mädchens kam, Schweiß, ranziges Öl und irgendetwas, was Eflida in ihren eigenen Kleidern noch nie gerochen hatte. Sie sah auch die dreckigen Fingernägel, die rissigen Hände mit den Schwielen. Ihr stieg wieder der Geruch in die Nase, und sie spürte den Ekel in sich hochsteigen.  

Den Göttern sei Dank, dass sie nicht so leben musste wie diese Mila! Vielleicht war das Mädchen grob und dumm. Aber sie wollte später nach ihr sehen. Dann ging sie zur Totenfeier zurück.

Immer noch stand Tarana an der Seite der Bahre mit gesenktem Kopf, aber hoch aufgerichtet und bleich. Langsam leerte sich der Platz. Männer kamen und Morregans Leiche wurde auf der Bahre weggetragen.


„Komm, Eflida, lass mich jetzt nicht allein. Ich halte Totenwache.“

Im größten Gemach des Hauses lag Morregan. Stille war nun eingekehrt, die Läden waren geschlossen, die Kienspäne brannten schwach.

Tarana setzte sich neben die Bahre, lehnte sich an und legte die Arme über die Decke, über Morregan.

„Eflida, setz dich da ans Fußende. Und schau nicht so böse. Sag nichts, lass mich reden. Ich weiß, was du sagen willst, ich habe mir das auch schon gesagt, viele Male, aber nun ist das vorbei.“

Tarana hob den Kopf und blickte Eflida an.  

„Ich werde Morregan begleiten. Du kennst Morregan nicht. Nicht so wie ich. Wer sie kennt, versteht mich vielleicht. Du kennst sie an der Seite Triduns, als Herrin. Du weißt nicht, wie sie war, wie schwer es ihr manchmal fiel, die mächtige Morregan zu sein.  

Sie war ein einfacher Mensch, bescheiden. Ein Findelkind, darüber hat sie manchmal mit mir gesprochen, ausgesetzt, ohne Eltern. Sie sehnte sich danach, eine Heimat zu haben und Kinder zu haben. Sie wollte den Kindern Wärme geben, was sie als Kind nicht hatte.

Ich glaube, sie blieb allein. Tridun liebte sie, machte sie zur Herrin, gab ihr Reichtum und Ehren. Und oft konnte sie nicht genug bekommen von all dem. Einmal sagte sie aber zu mir: Was ist das alles wert?“

„Und Tridun?“

„Tridun? Sie sprach oft mit Achtung von ihm, manchmal begeistert von ihm, manchmal aber auch voll … Mitleid.

Viel hat sie mir erzählt, als wir auf der Fahrt waren zu den Orten in Sonnenuntergang, dem Zinnland zu, weit hinter dem Abnobawald. Sie war oft wie eine ältere Schwester zu mir. Sie achtete mich. Wir lachten viel miteinander. Ich war nicht die kleine Dienerin, ich war ein Mensch wie sie. Ich habe sie oft bewundert. Es ist bitter, dass sie so jung gehen muss, es ist ungerecht. Ich gehe mit, ich lasse sie nicht alleine gehen. Ich will ihr weiter dienen, ihr treu bleiben.“

Tarana stand auf und entzündete neue Späne. Draußen war ferner Hufschlag zu hören, ein Wiehern, dann war es wieder still. Eflida wusste nichts zu sagen.

„Tag und Nacht waren wir zusammen, im rumpelnden Wagen, dann auf dem Boot den großen Fluss hinunter und dann hinüber ….“  

Tarana war nicht wieder zur Bahre zurückgegangen. Sie saß jetzt hinten in der Kammer, in der Ecke, im Dunklen. Ihre Stimme klang leise durch den Raum.

„Übermorgen geht der Zug mit Morregan zum Dagungrab. Ich sehe alles vor mir. Man hat mir den betäubenden Saft zu trinken gegeben, der mich schläfrig macht. Man hat mir mein Festkleid angezogen, das von den Mondtagen. Geschminkt werde ich, mit Blumen geschmückt das Haar. Bel wartet, Tridun und alle anderen. Ul und Swelta, vielleicht, hoffentlich. Meine Eltern sehe ich nicht. Dann das Hornsignal, und die Träger reißen die Bahre hoch und stemmen sich unter die Last.  

Schwankend schreiten sie, und dann liegt Morregan auf dem prächtigen Wagen, zwei Schimmel ziehen an. Ich setze Schritt vor Schritt, hinter dem Wagen, schaue nur nach vorne, nicht zur Seite, nicht zu Bel und Ogman, seinen Helfer, die sich neben mich geschoben haben. Hinter mir die Schritte der Menge.

Ich gehe zum Finsterbach, dann kommt der Eichenwald. Es wird dunkel, Fackeln flammen auf. Mir wird schlecht sein, es wird ein bitterer Geschmack in meinem Mund sein.“

„Tarana, hör auf! Ich halte das nicht aus!“, rief Eflida. Doch Tarana sprach weiter, wie in einem Fiebertraum.

„Oben ragt das Standbild in der Dämmerung auf, klein und fern, dann immer größer, immer näher. Neben der Eiche stockt der Zug. Der Opferstein steht da, er ist so klein, ich wundere mich, ich verstehe einen Augenblick lang nicht, was geschieht. Ich blicke auf und sehe zwei Männer neben dem Opferstein stehen, links steht Bel und rechts Ogman. Bel schaut ernst, und in Ogmans Gesicht zuckt es, er wird doch nicht weinen?

Nein, er weint nicht, es gibt nichts zu weinen. Morregan wird bestattet und Tarana geht mit ihr. Bel lächelt mir zu, er neigt den Kopf, und dann ist es soweit.“

„Sprich nicht weiter, Tarana, bitte!“ Eflida rückte zu ihr hin und wollte ihren Arm streicheln, aber Tarana schüttelte langsam den Kopf. Eflida sah ihre glänzenden Augen, und dann war ihr klar, dass Tarana reden musste, dass es ihr half, es auszusprechen. Niemand und nichts konnte sie zum Verstummen bringen.  

„Ich trete vor. Ich schaue in die Runde, suche dich, Eflida, suche Artun, ich sehe eure nassen, glänzenden Augen, mein Bronzeherz an deinem Hals, Artuns zusammengepressten Mund im flackernden Licht, sein Mal an der Wange ist dunkelrot. Grelle Hornsignale gehen über den Dagunhügel, dann Stille. Bel murmelt seine Verse, lässt mich dabei aber nicht aus den Augen.

Ich wende meinen Blick von ihm ab, atme tief ein und aus. Die süßen Düfte des Sommers, der letzte Abend … Ich blicke hinüber nach Isbona, sehe nach Sonnenuntergang, in das trübe, schwache Gelb hinein, und denke an die Fahrt mit Morregan, sehe ihr Gesicht vor mir, reiße mich zusammen.

Unser uralter Baum vor mir, die rissige Rinde, die Kraft dieses Baumes, der viele hundert Sommer und Winter gelebt hat, er hilft mir. Ein leichter Wind geht durch die Zweige, die Blätter flüstern. Sie werden auch flüstern, für euch, wenn ich nicht mehr bin.  

Dann erscheint Bel vor mir, er lächelt wieder, aber jetzt ist es ein besonderes Lächeln. Er hat seinen Auftritt. Mit langsamen Schritten kommt er, zieht seinen rechten Arm aus dem Umhang und hebt das Messer, lässt es blitzen, und die Menge weicht scheu zurück.“

„Tarana, nicht!“, stieß Eflida hervor. Tarana war nur zu erahnen in ihrem Winkel, die Späne waren am Erlöschen.

„Bel ruft die Götter an, seinen Gott, den, der gut zuschlägt. Weist er das Opfer zurück? Bel wartet, kein Zeichen, kein Blitz, kein Windstoß, kein Beben der Erde, die Zeit vergeht. Bel dankt. Die Lose werden geworfen, die Männer ausgelost, die zum inneren Ring zusammentreten, um den Opferstein. Sie kommen. Bel fasst mich am Arm und schiebt mich zum Opferstein, die Männer treten zusammen, eng, Leib an Leib, eine dunkle Mauer um mich, eng, so eng, ich sehe euch nicht mehr ...“

Ein Ächzen, ein dumpfer Schlag! Eflida sprang auf, stürzte in den Winkel. Tarana lag wie tot am Boden, mit verdrehten Armen. Unheimlich war jetzt die Stille im Haus.

Eflida taumelte zur Tür. „Hilfe, schnell!“

Lichter kamen, Geflüster im Raum, dann traten Tridun und Bel heran. Leblos lag Tarana ausgestreckt neben der Bahre, ihre schwarzen Haare umrahmten ihr schmales Gesicht, nichts sagte sie mehr, nichts hörte sie, auch die Tränen Eflidas sah sie nicht.

Bel zuckte die Schultern.  

Tridun rief: „Holt Swelta!“


Tief in der Nacht erschien die Alte, untersuchte Tarana und ordnete an, sie in ihre Hütte zu bringen. Swelta selbst wollte um ihr Leben kämpfen. Eflida begleitete sie.  

Auch nach Magolanum hatte man einen Boten geschickt. Er kam und meldete, dass Taranas Vater seit Tagen irgendwo im Abnobawald beim Honigsammeln sei. Taranas Mutter war zusammengebrochen und musste gepflegt werden.